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Buchcover Serge K. D. Sulz:

Kurz-Psychotherapie mit Sprechstundenkarten.
Wirksame Interventionen bei Depression, Angst- und Zwangserkrankungen, Alkoholabhängigkeit und chronischem Schmerz.
Gießen: Psychosozial Verlag 2020
http://www.psychosozial-verlag.de/

Psychotherapie nach vorgegebenem Programm und das womöglich in Einheiten von nur 20 Minuten? Eine für tiefenpsychologisch Orientierte auf den ersten Blick befremdlich, ja unmöglich erscheinende Methode. Wo bleibt die offene Entwicklung der Beziehung, wo bleiben die klassischen 50-Minuten-Einheiten? Verhindern vorgegebene Themen nicht gar die „wahre“ Selbsterkenntnis?

Mit all diesen Vorurteilen habe ich mich diesem Buch angenähert und bin positiv überrascht, wie überzeugend argumentiert wird, dass im Setting von psychiatrischen Kliniken und Ambulanzen auch kurze Interventionen im 20-Minuten-Setting wirksam einsetzbar sind. Etwas skeptisch bleibe ich bei der optimistischen Annahme, die Themen könnten beim jeweils nächsten Gespräch „nahtlos weitergeführt werden“. So ganz reibungslos wird es wohl nicht immer funktionieren und klarerweise muss es auch Offenheit für krisenhafte Anlässe geben. Plausibel erscheint mir allerdings die Hypothese, dass das Eingehen auf immer wieder neue akute Krisenanlässe die kontinuierliche Arbeit am Kernthema verhindern kann und ein roter Faden, der nur in Ausnahmefällen verlassen wird, hilfreich für beide Seiten ist.

Die Psychiatrische Kurz-Psychotherapie PKP bietet evidenzbasierte störungsspezifische Psychotherapie bei Depression, Angst, Zwang, Alkoholabhängigkeit und chronischem Schmerz auf Basis kognitiver Verhaltenstherapie. Die extrem starke Strukturierung des Vorgehens kann angstreduzierend wirken und dadurch gerade auch ermöglichen, regelmäßigen Kontakt zuzulassen.

Das Buch gibt eine detaillierte Einführung in die theoretischen Grundlagen und einen praxisnahen Überblick über die Psychiatrische Kurz-Psychotherapie. Es wird deutlich, wie eine systematische psychotherapeutische Behandlung auch durch kurze Interventionen möglich ist, die aufeinander aufbauen. Sprechstunden- oder Therapiekarten mit ganz konkreten Fragen (zB Was ist Ihre Überlebensregel?) und Übungsaufgaben stellen dabei einen zentralen Bestandteil dar und führen durch die Behandlung. Diese können sowohl in 24 x 20-Minuten-Settings als auch in 12 x 50-Minuten-Sitzungen eingesetzt werden. Der Autor bietet einen Praxisleitfaden, der hilft, rasch die richtigen Interventionen wirksam einzusetzen. Das Verschriftlichen hat auch für die Patient_innen den positiven Effekt der Nachhaltigkeit und Orientierung.
Zu empfehlen besonders in der Arbeit in psychiatrischen Institutionen, aber auch eine neue Perspektive für Therapeut_innen in der privaten Praxis, die gerne stark strukturiert arbeiten.

Bettina Zehetner

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