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Rezensionen


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Buchcover Hannah Fitsch, Inka Greusing, Ina Kerner,
Hanna Meißner, Aline Oloff (Hg.innen):


Der Welt eine neue Wirklichkeit geben.
Feministische und queertheoretische Interventionen.
Bielefeld: transcript 2022
https://www.transcript-verlag.de/

Die Einbildungskraft im Wandern üben

Feministische Kritik denkt Verhältnisse neu und eröffnet damit Möglichkeitsfelder Emanzipatorische Visionen eines solidarischen Zusammenlebens

Eine gelungene Verbindung von Gender-Forschung und feministischem Aktivismus zeichnet diesen Sammelband aus ebenso wie das Werk von Sabine Hark, der diese Festschrift gewidmet ist. Intensiv und aus vielen unterschiedlichen Perspektiven wird die Problematik der Kategorie „Identität“ beleuchtet, die auch wenn sie für diskriminierte Personengruppen emanzipatorisch erscheinen mag nicht selten autoritäre, rigide und ausschließende, sprich erneut Ungleichheit und Benachteiligung erzeugende Wirkungen hat. Der Komplexität der Verschränkung von Sexismus und Rassismus ist nur mit sehr genauem Hinschauen und differenzierter Analyse zu begegnen, sicher nicht zielführend ist das Ausspielen von Diskriminierungskategorien gegeneinander (nach dem Prinzip „Unterscheide und herrsche“ wie Paula-Irene Villa und Sabine Hark ihr gemeinsames Buch betitelt haben). Konstruktion kollektiver Identitäten kann eine stabilisierende Funktion für die anhaltenden Ungleichheiten in liberal-repräsentativen Demokratie haben. Hier braucht es dringend kritische Betrachtungen wie die vorliegenden, um nicht unreflektiert eine anti-emanzipatorische Richtung einzuschlagen.
In transnationalen queer-feministischen Kämpfen gegen Gewalt an feminisierten Körpern entsteht das Gemeinsame nicht durch Identitäten, sondern durch geteilte Erfahrungen und das grundsätzliche Infragestellen von Gewaltverhältnissen.

Menschlichkeit erweist sich in der Freundschaft, nicht in der Brüderlichkeit, so Hannah Arendt mit ihrem Aufruf zu Ver-antwort-lichkeit: Wir alle sind verletzlich, wir alle brauchen Unterstützung, um gemeinsam überleben zu können. Und Ver-Antwortung füreinander kann auch bedeuten, mal eben keine Antwort parat zu haben. Manchmal bedeutet Ver-Antwortung füreinander auch, gemeinsam zu trauern angesichts des Zustands der Welt und zu sagen „ich weiß es nicht“. Auch das kann Für-Sorge füreinander bedeuten. Schweigen auszuhalten, gemeinsam zu schweigen. Das Nichtsprechen ist Teil des Gesprächs wie Sasha Marianna Salzmann in ihrem zärtlichen Text über die „Virengemeinschaft“.
Inspirierend die Reflexionen zu Verletzlichkeit und Sorge: Sorge als Herrschaftskritik und verbindende emanzipatorische Strategie, Sorge mehr als Sorgearbeit, Sorge als „Solidaritätsweise“ im modernen liberalen „Trennungsdispositiv“ wie Birgit Sauer ausführt.

Diese Festschrift für Sabine Hark enthält viele Brücken und produktive Spannungen in Form der Beiträge von Judith Butler, Hanna Hacker, Isabell Lorey, Gudrun Axeli-Knapp und Cornelia Klinger, Christina Thürmer-Rohr, Paula-Irene Villa, Rahel Jaeggi, Birgit Sauer und anderen Weggefährt*innen, Texte so vielfältig wie ein Festbankett.

Bettina Zehetner

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