Frauen beraten Frauen

Rezensionen


zurück zur Übersicht


Buchcover Anita Dietrich-Neunkirchner:

Symbolische Schwesternschaft.
Psychoanalytische Studie zur weiblichen Beziehungskultur und Übertragungsdynamik im beruflichen Kontext.
Gießen: Psychosozial Verlag 2019
http://www.psychosozial-verlag.de/

Frauenpaare führen Firmen

Schwesternschaft stellt eine Leerstelle in der psychoanalytischen Theorie dar. Obwohl Freud 5 Schwestern hatte, befasste er sich kaum mit dieser Thematik und auch nach ihm wurde wenig Psychoanalytisches über die Beziehung zwischen Schwestern geschrieben. Anita Dietrich-Neunkirchner beforscht diese Leerstelle und bietet im vorliegenden Band eine detaillierte Übersicht über die Quelltexte und den aktuellen Stand der psychoanalytischen Theorie zur Schwesternforschung sowie die Ergebnisse ihrer qualitativen Studie zur symbolischen Schwesternschaft im beruflichen Kontext. Dazu interviewte die Autorin Unternehmerinnenpaare, die seit mindestens 10 Jahren miteinander einen Betrieb führen und beschreibt, wie es diesen gelingt, über Jahrzehnte eine solide Berufspartnerinnenschaft aufrechtzuerhalten, in der die unbewusste Beziehungsdynamik zum Antrieb gelebter Frauensolidarität wird.

Der Begriff der „Schwester“ ist bei allen Interviewten hoch emotional besetzt und nur aus den persönlichen Lebensgeschichten der Einzelnen zu verstehen. Die Autorin macht zwei Positionen aus: Das Bild des Schwesterlichen wird entweder idealisiert und entspricht der Suche nach einem (verlorenen) Objekt, das schwesterliche und mütterliche Züge in sich vereint. Auf die Unternehmenspartnerin werden diese sehnsuchtsvollen Wünsche projiziert und in ihr wiedergefunden. Mit der Kollegin, die als besondere Freundin, Seelenverwandte oder Lebensmensch beschrieben wird, kann im innigen Kontakt eine unbewusste frühkindliche Kränkung (Gefühle des Ausgeschlossenseins oder der Zurückweisung) gemildert werden. Auf der anderen Seite werden lebensgeschichtliche Erfahrungen von Neid, Konkurrenz und Nichtgesehenwerden angeführt, die es diesen Unternehmerinnen erschweren, bewusst in der Kollegin eine schwesterlich Vertraute zu erkennen. Ihr Bild von Schwesterlichkeit ist hoch ambivalent besetzt und der Wunsch, endlich eine Verbindung auf Augenhöhe einzugehen ist deutlich. Unabhängig davon, welche bewussten Assoziationen den persönlichen Schwesternbegriff der interviewten Unternehmerinnen formen, zeigt das langjährige Zusammenarbeiten, dass es den Berufskolleginnen sehr gut gelingt, einander positiv zu besetzen. Die wirtschaftliche Berufspartnerinnenschaft kann als Ort einer gelebten symbolischen Schwesternschaft betrachtet werden. Homoerotisches Begehren wird im herzlichen und fürsorglichen Umgang miteinander sublimiert (nur eines der interviewten Paare lebt neben der beruflichen auch eine Liebesbeziehung miteinander). Dabei handelt es sich nicht um „zudeckendes“ Harmoniestreben im Sinne einer Neutralisierung der Triebimpulse, sondern das Sexuelle und Aggressive darf als kreative, lebendige Kraft durchscheinen und erhalten bleiben. Differenzen werden trotz gelegentlichen Neid- oder Konkurrenzgefühlen wertgeschätzt, auch in Konfliktsituationen respektvoll miteinander umzugehen ist eine der großen Stärken der dargestellten beruflichen Schwesternschaften.

Besonders erfreulich ist die emanzipatorische Perspektive der Autorin, psychische Individualität mit gesellschaftlicher Geformtheit zu verbinden und (mit Alfred Lorenzer) die Zusammenhänge und Wechselwirkung zwischen Individuum und Gesellschaft in den Blick zu nehmen. Dieses Werk und bietet anschaulich und lebendig Einblick in ein noch viel zu wenig beforschtes Gebiet: Produktive berufliche Partnerinnenschaften und schwesterliche Solidarität zwischen Frauen.

Bettina Zehetner

zurück zur Übersicht