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Buchcover Esther Hutfless und Barbara Zach (Hg.innen):

Queering psychoanalysis.
Psychoanalyse und queer theory – transdisziplinäre Verschränkungen.

Wien: Zaglossus Verlag 2017, 641 Seiten
www.zaglossus.eu


King Kong und Goldlöckchen

„In jedem menschlichen Wesen gibt es ein Schwanken von einem Geschlecht zum andern.“ Virginia Woolf: Orlando

Esther Hutfless und Barbara Zach zeigen mit diesem beeindruckenden Sammelband, wie queer die Psychoanalyse immer schon war und wie beide Seiten – die Psychoanalyse und die queer theory - aus diesem Potenzial schöpfen, sich gegenseitig irritieren und bereichern können. Die Psychoanalyse profitiert durch eine Auseinandersetzung mit feministischer Kritik und queer theory, indem sie sich mit ihrer eigenen Komplizenschaft mit Machtverhältnissen, ihrem Verstricktsein in unhinterfragte Heteronormativität, ihren eigenen blinden Flecken konfrontiert. Die queer theory wiederum gewinnt an Erkenntnis, wenn sie psychoanalytisches Denken einbezieht, denn intrapsychische Strukturen, unbewusste Ängste, Wünsche und Phantasien, Konflikte und Abwehrmechanismen formen Subjekte ebenso wie gesellschaftliche Diskurse und Hierarchien.

Lange waren psychoanalytische Theorie und Praxis stark heteronormativ und somit auch entwertend und pathologisierend gegenüber nicht-binären Identitäten und nicht-heterosexuellen Lebensweisen. Heute scheint die früher offen praktizierte Homophobie durch eine Transphobie ersetzt worden zu sein. Transpersonen fordern Denken und Fühlen heraus, indem sie die Bequemlichkeit der Entweder-männlich-oder-weiblich-Einteilung verweigern. Dieser Herausforderung muss sich auch die Psychoanalyse stellen. Die Autor_innen dieses Sammelbands tun dies auf mutige und originelle Weise und eröffnen mit ihren Texten vielfältige Perspektiven auf Lebensweisen jenseits des Entweder-Oder. Eine extreme Polarisierung von Männlichkeit versus Weiblichkeit sowie zu fest gefahrene „Sicherheit“ über die Einheitlichkeit des eigenen Geschlechts - und Abwehr von (angeblichen) Eigenschaften und Verhaltensweisen des jeweils anderen - sind eher Zeichen einer neurotischen Struktur als Zeichen einer lebendigen Identität, die sich immer auch mit Zweifeln, Ambivalenzen und Mehrdeutigkeit auseinandersetzen muss – so die von Ilka Quindeau geforderte Ambiguitätstoleranz. Der Ödipuskonflikt beispielsweise zeitigt für Quindeau keine starren, unveränderbaren Ergebnisse, sondern wird zeitlebens immer wieder durchgearbeitet und kann daher auch zu anderen geschlechtlichen Identitäten und sexuellen Orientierungen führen.

Esther Hutfless reflektiert die philosophischen Grundlagen der queer theory und übt fundierte Kritik am Identitätsdenken der Psychoanalyse. Sie zeigt, dass Identitätskritik nicht nur mit psychoanalytischen Konzepten vereinbar ist, sondern dass sie vielmehr eine wesentliche, ja notwendige Basis psychoanalytischer Theorie bildet und dass feministische und queere Kritik an Identität weder in vollkommene Beliebigkeit noch in psychotische Bedeutungslosigkeit mündet wie konservative Psychoanalytiker_innen befürchten. Beiden – Psychoanalyse und Queer Theory – liegt ein Verständnis von Subjekt zugrunde, das als dezentral, konflikthaft, durchkreuzt, unterworfen oder auch als „postmodern“ bezeichnet werden kann.

Antke Engel entwickelt alternative Konzeptionen des Begehrens jenseits des Mangels, des Ganzheitswunsches und der binären Komplementarität, Barbara Zach setzt aus der Erfahrung ihrer klinischen Arbeit eine Bestimmtheit der Geschlechtsidentität für den Moment (Subjekt im Prozess, Identität im beständigen Werden) und regt an, die bestehenden Kategorien „Frau“ und „Mann“ um die Kategorie „Trans*/Inter“ zu erweitern.

Die Trans-Subjektposition und der Trans-Körper erinnern uns alle an das, „was wir verloren haben – sowohl an das, was wir hätten haben können, als auch an das, was wir niemals haben werden“, so Griffin Hansbury in seinem Text mit dem verführerischen Titel „King Kong und Goldlöckchen: Transmännlichkeiten vor dem Hintergrund der Trans-Trans-Dyade“.

Weitere Autor_innen in diesem Sammelband: Teresa de Lauretis, Jack Drescher, Susann Heenen-Wolff, Lee Edelman, Anne Worthington, Christoph Sulyok, Almut Rudolf-Petersen, Eve Watson, Tim Dean und Jack Pula.

Freuds „kopernikanische Wende“ hat gezeigt, dass ein Subjekt nie vollständig autonom und vernünftig denkt und handelt. Darum muss auch jede wissenschaftliche „Objektivität“ kritisch hinterfragt werden nach ihren gesellschaftspolitischen Entstehungsbedingungen sowie ihren unbewussten Anteilen (Begehren, Wünschen, Interessen, Angstabwehr und vieles mehr). Diese Konsequenz des notwendigen Hinterfragens, die sich aus ihrer eigenen theoretischen Basis ergibt, ist auf die Psychoanalyse selbst anzuwenden, um sie fruchtbar für neue Erkenntnisse zu machen. Fazit: Ein Buch von Gewicht – spannend und aufschlussreich für alle an Psychoanalyse Interessierten, Schatzkiste und Pflichtlektüre für angehende und praktizierende Psychoanalytiker_innen.

Bettina Zehetner

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