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BuchcoverPaula-Irene Villa (Hg.in):
schön normal.
Manipulationen am Körper als Technologien des Selbst.
Bielefeld 2008 Transcript Verlag
http://www.transcript-verlag.de/

Ein spannender Sammelband zum Themenkomplex Körper und Medien/ Visualisierung. Zwei besonders empfehlenswerte Artikel greife ich im folgenden heraus:

MORGAN, Kathryn Pauly: Foucault, Hässliche Entlein und Techno-Schwäne - Fett-Hass, Schlankheitsoperationen und biomedikalisierte Schönheitsideale in Amerika.

Im heutigen Amerika wüsste das hässliche Entlein genau was es tun würde: Es würde seine traurige Geschichte im Fernsehen erzählen und in einer TV-Show mit Mitteln der Schönheitschirurgie "generalüberholt" werden. Heute versprechen operative Eingriffe zur Gewichtsreduktion (Magen-Bypass-OPs) den schlanken Schwan zu befreien, der in den fettleibigen Entlein steckt: Ein Versprechen der Befreiung für alle potenziellen Techno-Schwäne, die unter dem gesellschaftlichen Fett-Hass leiden. Und diese Befreiungen werden medial gefeiert. Medien (bes. TV-Shows) schlachten Geschichten von Menschen aus, die sich als hässlich empfinden und dankbar für die Chance sind, sich kultureller und biomedizinischer Kontrolle und Disziplinierung (inklusive operativen Eingriffen) unterziehen zu dürfen, die derzeit als Befreiung, Selbstermächtigung und persönliche Erfüllung gehandelt werden.

Fallbeispiel: das Märchen von Josephine
Pummeliges Mädchen, erfährt Entwertungen aller Art aufgrund seines Aussehens, im Job benachteiligt, nimmt in Ehe weiter und weiter zu, schaut gern "Make-Over-Shows" im TV (The Swan, Nip'n'Tuck), entscheidet sich schließlich noch weiter zuzunehmen um auf die von der Krankenkassenregelung vorgeschriebenen 100 Pfund Übergewicht zu kommen ("extrem fettleibig") und unterzieht sich nach jahrelangen erfolglosen Diätplagen ("austherapiert") einer KK-geförderten Magen-Bypass-OP. 90% ihres gesunden Magens werden entfernt, sie nimmt in 2 Jahren 75 Pfund ab. Sie erhält ein Gesamtkörperlifting inkl. Vagina-Verjüngung ("Straffung"/ Entfernung von höchst sensiblem Gewebe, designer vagina), um für ihren Mann wieder attraktiv zu sein und ihr Chirurg stellt die Vorher-Nachher-Fotos auf seine HP.

Pathologisierung körperlicher Differenzen (normal - abweichend/ krank, Foucault)
Am Beispiel des fat-hatred (öffentliches Anprangern wegen volkswirtschaftlicher Kosten, Dominanz des BMI...) zeigt Morgan die Entwicklung technologischer Anwendungen von der Freiwilligkeit zum Zwang: Normalisierung von kosmetische OPs und Schaffung eines Marktes/ Bedarfs, (OP-)Technologie als "persönliche Befreiung"

SEIER, Andrea und SURMA, Hanna: Schnitt-Stellen - Mediale Subjektivierungsprozesse in The Swan.

Reality-/ Lifestyle-TV/ Fernsehen der Mikropolitiken (Alltagspraktiken: das Private als politisch) hat sogen. Makeover-Programme im Vorher/ Nachher-Modus hervorgebracht (Das Model und der Freak Pro7, Die Super-Nanny RTL, Frauentausch RTLII, THE SWAN - Endlich schön Pro7 2004 = Adaption von The Swan 2004-2006 FOX)
Verhältnis Öffentlichkeit - Privatheit: Dem Feminismus ging es um Politisierung des Privaten (öffentliche Problematisierung familiärer Gewalt), im Fernsehen der Mikropolitiken verläuft diese Bewegung genau umgekehrt: politische und soziale Dimensionen der thematisierten Probleme werden individualisiert und in Fragen persönlicher Schicksale, persönlicher Motivationen und psychologischer Fähigkeiten umgedeutet (neoliberale Alles-ist-machbar, Jede-ist-ihres-Glückes-Schmied-Ideologie).
Mentale und somatische Selbstoptimierungsprozesse unter "professioneller" Trainingsanleitung, Selbstverbesserung, - verschönerung als notwendiger Leistungsanspruch, mentale und somatische Transformationsprozesse werden als Dienstleistung angeboten, dabei wird auch der schönheitschirurgische Eingriff ("Reparatur") als Technologie des Selbst plausibel/ notwendig.
Zusammenhang von Selbsttechnologien und Medientechnologien (z.B. Inszenierungen für Familienfotoalbum oder Videodokumentationen), "Monitoring" als Technologie der Selbst- und Fremdführung
Mediale Herstellung des "Vorher"-Zustands (möglichst defizitär nach bestimmten Normen), Selbstbespiegelung und Fragmentierung des Selbst in Close-Ups (Wie?)
In "Confessions" geben die KandidatInnen direkt in die Kamera Geständnisse über ihre innersten Befindlichkeiten ab - Beichten dienen laut Foucault als Ritual zur "Wahrheitsproduktion" - Test/Wertungen in Voice-Over-Kommentaren, Zuschauernähe, auch Zuschauer sollen wettbewerbsmäßig bewerten/ voten (auch sich selbst vergleichen!) TV fungiert als Wunsch erfüllende fairy godmother ebenso wie als Ort der niemals endenden Arbeit am Selbst - (ironisch) Cyborgpotenzial der Tele-Schwäne.

Zum Weiterschauen und -denken: Die Homepage der Performance-Künstlerin Orlan, die ihre Thesen zu sozialen und diskursiven Konstruktion von Identität und "Schönheit" in Operationen an ihrem eigenen Körper materialisiert: www.orlan.net

Bettina Zehetner

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