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Buchcover Lisbeth N. Trallori:

Der Körper als Ware.
Feministische Interventionen.
Mandelbaum kritik & utopie 2015
http://www.mandelbaum.at/


Kapital Körper - Vermarktung und Widerstand

„Der Körper als Ware“ ist eine Streitschrift wider die Ausbeutung, totale Liberalisierung und Ökonomisierung menschlicher Körper.

Die feministische Sozialwissenschafterin Lisbeth Nadia Trallori übt seit vielen Jahren fundierte Kritik an der Ausbeutung und Verwertung weiblicher Körper. Dieser Sammelband umfasst Texte aus den Jahren 1989 bis 2014, die bleibende Aktualität der älteren Texte stimmt bedenklich, der kämpferische Ton lässt wiederum Zuversicht entstehen aufgrund des ungebrochenen feministischen Engagements für die gemeinsame Entwicklung von Freiräumen, die mehr als bloße Wahlfreiheit, mehr als bloße Produktkaufentscheidung bedeuten. Die Beiträge können kritische Denkräume in unserem Alltag eröffnen, einem Alltag, der schon erstaunlich selbstverständlich von biotechnologischen Selbstregierungspraktiken durchzogen ist. Das self-tracking, das Sich-Vermessen und Vergleichen beruht auf einem grundlegenden Misstrauen, jeder Körper wäre defizitär und müsste durch beständige Bearbeitung optimiert werden – herausholen, was geht, immer mehr, nie genug, damit es Leistung ist, damit es einen Wert hat. Life Sciences, plastische Chirurgie, Gen- und Reproduktionstechnologie – sie alle umgeben und durchdringen unser Leben mit ihren Optionen und machtvollen Regulierungen. Wer wünscht sich nicht eine Beinprothese, wenn das eigene Bein bei einem Unfall unheilbar verletzt wurde, wer hätte nicht gern ein neues Organ, wenn das eigene versagt, wer könnte sich nicht vorstellen, den einen oder anderen Neuro-Enhancer zur Verbesserung der eigenen Stimmung, Gedächtnis- und Konzentrationsfähigkeit einzusetzen, wer würde nein sagen zu etwas reprotechnischer Nachhilfe bei unerfülltem Kinderwunsch? Doch die biotechnologischen Optimierungen sind eine gefährliche Gratwanderung – oft dauert es nicht lange, bis eine Möglichkeit zur Norm wird. Wer belastet seine Umgebung noch mit Trauer und Depression, wenn es doch wirkungsvolle Psychopharmaka zur Stimmungsaufhellung und Leistungssteigerung gibt? Wer stört noch mit nicht normgerechter Hässlichkeit, wo es doch chirurgisches Bodystyling zu Dumpingpreisen gibt? Wer wagt es noch, unmotiviert zu sein im Hamsterrad der Fitnessgebote, wo doch jede von uns als Unternehmerin ihrer selbst verantwortlich für ihre Gesundheit und Leistungsfähigkeit ist. Wollen wir tatsächlich Körper(teile) unermüdlich bearbeiten, umbauen und neu programmieren, um sie zu verleihen und zu verkaufen? Den Fantasien nach Schöpfungsmacht, Unverletzlichkeit und Unendlichkeit kann Lisbeth N. Trallori zufolge zwischenzeitlich auch mit Hysterie begegnet werden – eine weibliche Widerstandsform mit starker Tradition.

Bettina Zehetner

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