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Buchcover Hans-Jürgen Seel:

Beratung: Reflexivität als Profession
Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2014
http://www.v-r.de/


„Fit machen für das Hamsterrad?“

In einer sich rasch verändernden Gesellschaft, in der Individuen mit vielen Entscheidungsfreiheiten aber auch –pflichten konfrontiert sind, kommt Beratung ein immer höherer Stellenwert zu. Dieses Buch will Grundgedanken und eine „Brückenterminologie“ entwickeln, auf die sich die vielen unterschiedlichen Beratungsformen und –methoden beziehen können, um in einen Dialog – oder vielmehr Polylog – miteinander zu treten über Kriterien der Selbstdefinition und Qualität.
Eine Stärke dieses Bandes ist die gesellschaftspolitische Haltung des Autors. Seine kritische Haltung der eigenen Profession gegenüber macht das Risiko der Vereinnahmung psychosozialer Beratung zu marktwirtschaftlichen Zwecken deutlich. Wir alle sollen Unternehmer_innen unserer selbst sein, uns selbst regieren und optimieren, unsere Emotionen managen, Verantwortung für unsere Gesundheit und unsere Beziehungen übernehmen, unsere Arbeitsplätze selbst schaffen und unser Potenzial ausschöpfen. Selbstbearbeitung statt Selbstermächtigung, Selbstoptimierung statt Selbstverwirklichung sind Tendenzen in einer Zeit der Ökonomisierung aller Lebensbereiche. Diesen kann kritische Beratung durch ihre reflexive Haltung entgegenwirken. Hier ist konkret die Verantwortung von Berater_innen angesprochen, damit Beratung nicht zur „Individualisierungsagentur der Selbstoptimierung“ (S. 30) wird.

Bourdieus Theorie vom „symbolischen Kapital“, Cassirers Philosophie der symbolischen Formen und Foucaults Konzepte der produktiven Macht und der Selbsttechnologie dienen dem Autor als Basis für die Entwicklung seiner Begrifflichkeit für Beratung als Realisierung von Reflexivität. Beratung als Institution der Subjektgestaltung thematisiert die Verinnerlichung von Machtstrukturen, das Subjekt als gleichzeitig autonom handelndes wie auch durch strukturelle Bedingungen konstituiertes, das Subjekt in seiner Relationalität mit anderen und in seiner existenziellen Abhängigkeit von anderen.
Das Kapitel zum Thema Geschlecht fällt leider sehr kurz aus, feministische und gender-reflektierende Ansätze werden inhaltlich nur gestreift und finden auch in der Literaturliste kaum Beachtung. Positiv hervorzuheben ist dafür die selbstverständliche geschlechtergerechte Schreibweise (Berater_innen und Klient_innen).
Insgesamt ein spannender systematischer Beitrag zur Professionalisierung von Beratung im gesellschaftlichen Kontext.

Bettina Zehetner

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