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Buchcover Marianne Schmidbaur, Helma Lutz, Ulla Wischermann (Hg.innen):

Klassikerinnen feministischer Theorie.
Band III Grundlagentexte ab 1986
Sulzbach/Taunus: Ulrike Helmer Verlag 2013
http://helmer.txt9.de/

Es gibt nicht die eine Wahrheit der Geschlechter

Die Herausgeberinnen haben Auszüge aus viel diskutierten Werken ausgewählt und stellen den Quellentexten sehr gut lesbare Einführungen voran, in denen die oft nicht stromlinienförmig verlaufenden wissenschaflichen Karrieren der Autorinnen ebenso wie ihr gesellschaftspolitisches Engagement sichtbar wird. Angaben zur Rezeption und Wirkungsgeschichte sowie ein Verzeichnis mit Primär- und weiterführender Literatur runden die Einführungen ab. Einige der Quelltexte beziehen sich aufeinander und veranschaulichen Weiterentwicklungen theoretischer Positionen (von jeder Autorin wurden zwei Texte ausgewählt), indem sie kritische Einwände aufnehmen oder frühere Standpunkte revidieren. Damit veranschaulicht dieser Band die Stärke feministischer Theorie, sich immer wieder selbst kritisch in Frage zu stellen und lebendig zu bleiben.

Themen der Auseinandersetzung sind Differenzen zwischen Frauen, die kritische Infragestellung eines einheitlichen Subjekts „Wir Frauen“, sprachliche Performativität von Weiblichkeit und Männlichkeit, Biopolitik, Care-Debatte, Demokratie und Öffentlichkeit. Poststrukturalistische, postkoloniale und neomaterialistische Perspektiven sowie Beiträge zu Queer Studies, Black Feminism, Männlichkeitsforschung und Intersektionalität von race, class und gender machen deutlich: Es gibt nicht die eine feministische Theorie, sondern feministische Theorie und Praxis bilden ein weites Feld mit produktiven Spannungen.

Der Sammelband ist interdisziplinär und international angelegt, ein klarer Schwerpunkt liegt dennoch auf US-amerikanischen Theoretikerinnen, die Herausgeberinnen begründen dies mit bereits bestehenden Sammelbänden aus dem deutschsprachigen Raum. Pionierinnen wie Christina Thürmer-Rohr mit ihrer produktiv-provokanten Mittäterschaftsthese oder Andrea Maihofers einflussreiches Werk „Geschlecht als Existenzweise“ fehlen darum, die einzige Autorin aus dem deutschsprachigen Raum ist Ute Gerhard.

Eine sehr gut kommentierte Zusammenstellung zentraler Texte feministischer Theorie seit Mitte der 1980er Jahre mit Texten von und über Judith Butler („Das Unbehagen der Geschlechter“ und „Die Frage nach der sozialen Veränderung“), Rosi Braidotti („Nomadic Subjects“), Raewyn Connell („Der gemachte Mann“), Nancy Fraser, Ute Gerhard, Donna Haraway („Ein Manifest für Cyborgs“), Patricia Hill Collins, Arlie Hochschild („Das gekaufte Herz“), Carole Pateman, Joan Scott, Eve Kosofsky Sedgwick („Epistemology of the Closet“) und Gayatri Chakravorty Spivak („Can the Subaltern Speak?“).

Bettina Zehetner

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