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Buchcover Reinhard Plassmann:

Körper sein und Körper haben.
Zum Verhältnis von Körper, Leib und Psyche am Beispiel von Kopfschmerzen, selbstverletzendem Verhalten und artifiziellen Krankheiten.
Gießen: Psychosozial Verlag 2016
http://www.psychosozial-verlag.de/


Der Körper als Organwelt – Den Schmerz zur Sprache bringen

Reinhard Plassmann ist einer der Pioniere der psychosomatischen und psychotherapeutischen Medizin in Deutschland. Mit seinem psychoanalytischen Blick erhellt er das Beziehungsgeschehen zwischen Patient_in und Psychotherapeut_in und verdeutlicht die Vielfalt der Bedeutungen, für die der Körper mit seinen kreativen Symptomen stehen kann. Mangelnde Symbolisierungsfähigkeit lässt Menschen ihren Körper als Symbol für unbewusste Konflikte einsetzen und die unterschiedlichsten Beschwerden und Schmerzen ausbilden. Eine sehr häufige und quälende Produktion ist der Kopfschmerz, dem der Autor den Mittelteil (das Herzstück?) des vorliegenden Sammelbandes von Artikeln aus den 80er- und 90er-Jahren widmet. Die Texte haben nichts an Aktualität verloren und sind lebendig zu lesen durch die sehr persönlich geschilderten Fallgeschichten. Eine Stärke dieser Fallvignetten ist der behutsame und selbstkritische Blick des Analytikers, der immer wieder bereit ist, bestehende Theorien in der konkreten Arbeit mit Patient_innen einer Prüfung zu unterziehen. So stark die psychoanalytische Perspektive in ihrer Wirksamkeit herausgearbeitet ist, so blass bleibt leider die philosophische Basis hermeneutischer, anthropologischer und phänomenologischer Theorien zum Leib. Merleau-Ponty, den „Schöpfer“ des modernen Leib-Konzepts hier nicht zu erwähnen und keinen Nutzen aus seinen Schriften zur chiastischen Verschränkung von Leib und Sprache, der „intercorporéité“, dem Zur-Welt-Sein des Leibes in seiner sozialen und kulturellen Dimension zu ziehen bildet ein Manko in dem ansonsten dichten und spannenden Werk.
Eine besondere Herausforderung an Berater_innen und Psychotherapeut_innen stellen das selbstverletzende Verhalten und die sogenannten artifiziellen Krankheiten dar (sich vom Patienten/ von der Patientin selbst zugefügte Schädigungen bis hin zum Münchhausen-Syndrom, bei dem immer wieder neue Lebens- und Krankheitsgeschichten erfunden werden). Berührend ist immer wieder die Erkenntnis, wie ein Symptom – und sei es noch so befremdlich in seiner selbstschädigenden Qualität – einen Selbstheilungsversuch darstellt, um „Schlimmeres“ (Dekompensation, Suizid) zu verhindern. Die Lebendigkeit des Blutes kann sich selbst ritzende Personen vor Gefühlstaubheit oder Psychose bewahren. Der notwendige Rückzug beim Kopfschmerzanfall kann vor völliger Reizüberflutung bewahren, die zuvor als Abwehr gegen unerträgliche aggressive Regungen und das Gefühl der Hilflosigkeit eingesetzt wurde. Die Symptombildungen werden verstehbar, die Konflikte in langfristiger therapeutischer Arbeit spürbar, benennbar und kommunizierbar – eine oft zähe und schwierige, immer wieder auch befreiende und befriedigende Arbeit.

Bettina Zehetner

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