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Rezensionen


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Buchcover Charlotte Perkins Gilman:

Diantha oder der Wert der Hausarbeit.
Roman

Wien: Mandelbaum 2017


Streiken statt versorgen?!

„Da gehst du hin und rechnest gegen kalte Dollar die Arbeit auf, die jedes anständige Mädchen glücklich ist, für seine Familie zu tun!“
Dieser 1910 von der US-amerikanischen Schriftstellerin und Frauenrechtlerin Charlotte Perkins Gilman verfasste Roman ist heute, in einer Zeit globaler Umverteilung der Pflegearbeit, aktueller denn je. Gilman entwirft die Idee der Frauenbefreiung durch Professionalisierung und Auslagerung von Hausarbeit.
„In jeder Geste steckt die ganze Gesellschaft“ schreibt der Soziologe Jean-Claude Kaufmann in seiner Studie „Schmutzige Wäsche. Zur ehelichen Konstruktion von Alltag“ über die Mädchen und Frauen in Fleisch und Blut übergegangenen Gesten der Sorgetätigkeit, die Männer so ungern lernen und so gerne wieder verlernen, sobald sie mit einer Frau zusammenwohnen. Angelika Wetterers Konzept der „rhetorischen Modernisierung“ - Wir reden anders als wir handeln – trifft auch 2017 noch auf die ungleiche Verteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit zwischen den Geschlechtern zu. Nach außen hin aufgeschlossen, modern und partnerschaftlich bewerten viele Männer ihren Anteil an Haus- und Kinderbetreuungsarbeit deutlich höher als real geleistet – und ihre Partnerinnen unterstützen sie nicht selten in diesem Glauben, um nach außen hin die schöne Fassade einer gleichberechtigten Beziehung zu bieten. Dennoch: Der beschwichtigende Satz „Er hilft eh mit“ beschreibt eine völlig andere Lebenswirklichkeit als die Konstellation „Wir teilen uns unsere Hausarbeit.“
Die Protagonistin des Romans, die junge Diantha, verlässt ihren Geliebten und gründet ein Unternehmen, in dem sie Dienstleistungen des Haushalts anbietet und schließlich die Führung eines Hotels übernimmt. Dianthas berufliche Laufbahn wird zur konkreten Utopie, soziale Innovation wird als erfolgreiches Geschäftsmodell gezeigt. Ein sprachlich besonders starker Höhepunkt der Erzählung ist die sanfte aber nachdrückliche Aufrechnung ihrer Arbeitsleistung für den Vater und das gelassene Beharren auf dem Wert ihrer Haushalts- und Sorgetätigkeiten.
Zur Forderung nach gerechter Bezahlung von Sorgearbeit bietet ein kollektiver Hausarbeitsstreik revolutionäres Potenzial - Empfehlung!

Bettina Zehetner

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