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Rezensionen


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Buchcover Klaus Obermeyer, Harald Pühl (Hg.):

Die innere Arbeit des Beraters.
Organisationsberatung zwischen Befangenheit und Bewegungsfreiheit.
Gießen: Psychosozial Verlag 2016
http://www.psychosozial-verlag.de/


Der innere Film der Berater_innen

Unsere Innenwelt ist mit der Außenwelt untrennbar verschränkt. So ist auch das Innenleben mit all seinen oft chaotischen und ambivalenten Regungen wie Lust, Angst, Scham und Zorn in der Person der Beraterin im Beratungsgeschehen präsent.
Bemerkenswert sind die behutsamen Herangehensweisen der Autor_innen an ein heikles Thema. Sollen die persönliche Geschichte, die tagesaktuelle Stimmung, die Angst und Verletzlichkeit der (Organisations)Berater_in oder Supervisor_in nicht aus dem Beratungsprozess „draußen“ bleiben? Sie können es nicht und sie sollen es auch nicht, so die entlastende Antwort auf diese Frage, ganz im Gegenteil, gerade auch die persönliche Involviertheit bietet Material für den Klärungsprozess und kann – ausreichend gemeinsam reflektiert – zum Erkenntnisgewinn und somit zu neuer Handlungsfreiheit beitragen.
Die Balance zwischen Nähe und Distanz, Engagement und Heraustreten ist in der Beratungsbeziehung immer wieder auszutarieren, um sowohl der Falle der zu starken Identifizierung und Verstrickung in Bündnisse als auch der kalten Distanzierung zu entgehen. Das, was sich auf unserer inneren Bühne abspielt, den Ratsuchenden als Material anzubieten geht einher mit dem containing als halten von (noch) Unerträglichem, um es für die Ratsuchenden verdaubar zu machen. Hier bietet das Konzept der Gegenübertragung von Sigmund Freud und Paula Heimann entwickelt ein gutes Instrumentarium. Die Beiträge dieses Bandes beleuchten vor allem die Übertragungs- und Gegenübertragungsdynamiken zwischen Teams und Berater_innen/Supervisor_innen mit Fallbeispielen aus der eigenen Praxis.
Weitere Themen des Sammelbandes sind Allparteilichkeit statt Neutralität, Allparteilichkeit als Prozess und beständige Herausforderung, Resilienz, der intermediäre Raum in der Beratung, Angstlust – Der Sprung in die Selbständigkeit als Beraterin.
Zur geschlechtergerechten Schreibweise: Die ausschließlich männliche Bezeichnung „Berater“ im Buchtitel irritiert zwar, in den Beiträgen selbst wird jedoch abgewechselt zwischen „Beraterinnen“ und „Beratern“.
Ein gelungener Sammelband mit Theorie-Inputs und lebendigen Fallgeschichten zu einem noch wenig bearbeiteten Thema, lesenswert für Berater_innen, Organisationsentwickler_innen und Supervisor_innen.

Bettina Zehetner

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