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BuchcoverLorenz, Renate:

QUEER ART
A Freak Theory (Sprache: Englisch)
Bielefeld: transcript-Verlag 2012
http://www.transcript-verlag.at/

Wir "sind" oder "haben" nicht ein Geschlecht, sondern stellen dieses permanent in der Interaktion mit anderen, normen- und diskursgeleitet, her.

Renate Lorenz (Künstlerin und Autorin im Bereich Queer-/ Gender Studies und Kunsttheorie, Akademie der Bildenden Künste in Wien) entwickelt eine neue Herangehensweise an Queer Art und ihr emanzipatorisches Potenzial, die so genannte "freak theory". Basierend auf einer 2009 von Lorenz in Berlin organisierten Konferenz, die "Freaky-Queer Art Conference" nähert sich die Autorin einzelnen Künstler_innen und ihren Werken und Performances, die die Kategorien "Geschlecht" und "Identität" in Frage stellen und die zugrunde liegende angenommene Dichotomie des "Entweder Mann – Oder Frau" in Bewegung bringen wollen.

"Geschlechtsidentität" als vermeintlich naturgegebener Zusammenschluss von körperlichem Geschlecht, sozialem Geschlecht und sexuellem Begehren wird in den Kunstwerken und Performances der im Band besprochenen Künstler_innen in seiner Konstruiertheit und Prekarität auf die Bühne gebracht und somit als veränderbar gezeigt. Der demonstrative Fokus liegt dabei auf dem Prozesshaften, dem Werden, dem Potenziellen. Das Aufzeigen der Gewordenheit und Fragilität angeblich stabiler Kategorien ("männlich" – "weiblich", "rational" – "irrational", anerkannte Person – unmenschlicher "Freak") ermöglicht die zukunftsgerichtete Perspektive: es könnte alles auch ganz anders sein. Queer Art öffnet Räume zukünftigen Andersseins.

Lorenz zeichnet anschaulich drei Konzepte der "freak art" nach: radical drag, transtemporal drag und abstract drag, in denen sie queer theory, postcolonial theory und dis/ability studies produktiv miteinander verbindet.

Die Autorin beschreibt eigene Performances gemeinsam mit Pauline Boudry, wie etwa "N.O. Body", "Salomania" und "Contagious!" (www.boudry-lorenz.de) und zieht eine Reihe spannender, teilweise noch wenig bekannter Artist_innen für die Entwicklung ihrer freak theory heran: Amanda Baggs thematisiert in ihrer Kunst ihre Diagnose Autismus. Bob Flanagan macht gemeinsam mit seiner Partnerin Sheree Rose seine Krankheit Mukoviszidose zum öffentlichen Objekt und verbindet seine krankheitsbedingte erzwungene Schmerzerfahrung mit selbstgewählten, durch masochistische Praktiken induzierte Schmerzen, mit denen er sich laut eigener Aussage ein Stück Handlungsfreiheit und Selbstkompetenz zurückerobert und die ihn diese lebenseinschränkende Krankheit so lange ertragen lässt. Felix Gonzalez-Torres schüttet in seinem Werk "Untitled" (Portrait of Ross in L.A.) 175 Pfund in buntes Zellophan verpackte Bonbons in die Ecke einer Galerie mit der Aufforderung an die Betrachtenden, sich Bonbons zu nehmen, zu verspeisen, wegzutragen. Die immer wieder nachzuschüttende Bonbon-Menge entspricht dem Gewicht seines (gesunden) Lebenspartners Ross, der durch die Folgen seiner HIV-Infektion kontinuierlich abnahm und schließlich 1991, im Entstehungsjahr des Werks an AIDS starb – eine abstrakte Verkörperung, die Lorenz mit dem Begriff des "abstract drag" zu fassen versucht.

Bettina Zehetner

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