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Buchcover Hilge Landweer, Catherine Newmark, Christine Kley, Simone Miller (Hg.innen):

Philosophie und die Potenziale der Gender Studies.
Peripherie und Zentrum im Feld der Theorie
Bielefeld 2012, transcript Verlag:
http://www.transcript-verlag.de/

Was bedeutet es, „Geschlecht“ konsequent ins Zentrum philosophischen Denkens zu stellen? Das Einbeziehen dieser Kategorie eröffnet neue Perspektiven auf Vernunft, Macht, Handlungsfähigkeit, Gerechtigkeit, Demokratie. Der Band vereint Texte zu politischer Theorie, Ethik, Anthropologie, Erkenntnistheorie und reflektiert kritisch vergangene und gegenwärtige scheinbar geschlechtsneutrale philosophische Diskurse. Gefordert ist eine Reflexion der philosophischen Disziplin auf sich selbst und das Ungedachte, das sie beständig erzeugen und aus dem „legitimen“ philosophischen Diskurs ausschließen. Die Abwehr feministischer Fragestellungen als angeblich „unphilosophisch“ stellt einen Herrschaftsgestus dar.

Nach Geschlechterverhältnissen in der Philosophie zu fragen, bedeutet Susanne Lettow zufolge, die Potenziale philosophischen Denkens im Modus der Kritik der Gegenwart neu auszuloten. In ihrem Artikel „Dezentrierung und Kritik. Die Frage nach Geschlechterverhältnissen in der Philosophie“ erweist Lettow auch die Philosophie als situiertes Wissen und stellt den Bedarf nach einer materialistischen Reformulierung jener Dezentrierung des Subjekts, die in poststrukturalistischen und feministischen Theorien vollzogen wurde, fest. Die Autorin fordert einen neuen „Quantensprung“ (Cornelia Klinger) der Geschlechterforschung. Nach der Verlagerung von expliziten Äußerungen über Frauen und Männer auf die Analyse impliziter Geschlechterkonstruktionen ist nun die Fokussierung von Geschlechterverhältnissen (anstatt fixierter Geschlechterkategorien) sinnvoll und produktiv. Dies einerseits, um Geschlechterverhältnisse als Dimension unseres In-der-Welt-Seins zu erfassen, andererseits um ein kontextualistisches Verständnis zu erlangen und die beständige Herstellung von Differenzen in den Blick zu nehmen. Donna Haraways Konzeption der „companion species“ und Stacy Alaimos Begriff der Transkorporalität können für einen „material feminism“ nutzbar gemacht werden.

Sie führt drei „Wendungen“ an - material, postcolonial and postdisiplinary turn - die anregen, kritisch über die Disziplin Philosophie zu reflektieren. Alle drei „turns“ tragen mit ihrer Dezentrierung der Kategorie Geschlecht (als fixierte Einheit) zur Dezentrierung der Philosophie selbst bei und fordern eine verstärkte Bezugnahme auf die gesellschaftlichen Bedingungen und Machtverhältnissen, in denen sich Geschlechterverhältnisse realisieren. Den Bereich des Sagbaren und Denkbaren umzubauen, bedeutet für Lettow, den Bereich des Möglichen insgesamt zu erweitern im Sinne einer Perspektive der Freiheit und des Werdens.

Besonders hervorheben möchte ich Herta Nagl-Docekals Aufsatz „Feministische Philosophie im post-feministischen Kontext“. Die Autorin nimmt die gegenwärtige Unpopularität der Selbstbezeichnung „Feministin“ zum Anlass über Reflexionen zum Identitätsdruck, der dem heutigen Bedürfnis von Frauen nach freier Entfaltung ihrer individuellen Besonderheit entgegenstehe. Sie konstatiert einen aggressiven Individualismus, der viele feministische Ansprüche ersetzt haben. Eine philosophische Zugangsweise kann mit ihrer fundamental sprachkritischen Methodik fragwürdige Vorstellungen, die oft auch handlungsanleitend wirken, aufzeigen. Zum zweiten kann eine philosophische Perspektive den defizitären Modellen von Humanität eine umfassende und unverkürzte Konzeption entgegensetzen. Feministische Philosophie will zur Überwindung von Diskriminierung aufgrund des Geschlechts beitragen (zur ausführlichen Definition feministischer Philosophie siehe Nagl-Docekals 2000 erschienenes Grundlagenwerk „Feministische Philosophie“). Feministische Philosophie ist keine neue Teildisziplin, die nur dem bestehenden philosophischen Kanon hinzugefügt werden soll, denn es kommt darauf an, alle Bereiche des Faches mit der Geschlechterasymmetrie ihrer Grundlagen zu konfrontieren (z.B. die hierarchisierenden sexualisierten Kategorien Form – Materie, Körper – Geist, Vernunft – Gefühl, Aktivität – Passivität etc.). Was diese konsequente Infragestellung bisheriger Selbstverständlichkeiten bezüglich Geschlecht in einzelnen philosophischen Bereichen heißen kann, skizziert die Autorin für die Anthropologie, die Rechts- und die politische Philosophie sowie für die Sozialphilosophie, Ästhetik, Moral- und Geschichtsphilosophie. Nag-Docekal plädiert dafür, den Fokus nicht allein auf die Positionierung von Frauen zu richten, sondern auf Geschlechterverhältnisse und gesamtgesellschaftliche Veränderungen im Sinne geschlechtergerechter Lebensformen abzuzielen. Ihr Fazit: Für die feministische Philosophie bleibt noch viel zu tun!

Ebenfalls empfehlenswert: Astrid Deuber-Mankowskys Text „Philosophie außer sich! Gender, Geschlecht, Queer, Kritik und Sexualität“. Weitere Themen sind feministische Utopien, Strategien und Revolutionen sowie der Bezug der Philosophie zu Empirie und Lebenswelt. Dieser Sammelband bietet wertvolle Impulse für gesellschaftskritische philosophische Praxis.

Bettina Zehetner

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