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BuchcoverMarianne Krüll:

"Die Mutter in mir - Wie Töchter sich mit ihrer Mutter versöhnen"
Stuttgart: Klett-Cotta Verlag, 2007 - www.klett-cotta.de

"Während eines Vortrages über das Mütter-Töchter-Thema habe ich einmal den etwa fünfzig Zuhörerinnen drei Fragen gestellt: Die erste lautete: Welche von Ihnen kann sagen: Ich bin froh und glücklich mit meiner Mutter? Es meldeten sich ungefähr zehn oder zwölf Frauen. Die zweite Frage war: Welche kann sagen: Ich bin glücklich, ihr ähnlich zu sein, und bemühe mich, in ihre Fußstapfen (Beruf, Partnerschaft, Lebensplanung, usw.) zu treten? Nun hob sich nur noch eine Hand. Auf die dritte Frage: Welche möchte eine Mutter werden oder sein wie die eigene Mutter?", blieben alle Hände unten! (S.9)

Die Mutter-Tochter-Beziehung ist eine viel um- und beschriebene Thematik. Neben der großen Anzahl an Büchern zu diesem Thema finden sich ebenso viele wissenschaftliche Studien, Einsichten und Theorien. Im Interesse der feministischen Soziologin und Schriftstellerin Marianne Krüll liegen seit vielen Jahren familiäre Beziehungen (http://www.mariannekruell.de). Zum Themenfeld Mutter-Tochter-Beziehung hat sie mittlerweile zwei Bücher veröffentlicht und zahlreiche Vorträge gehalten. In dem Buch "Käthe, meine Mutter" (2001) ließ sie die LeserInnenschaft an der intimen Beziehung zu ihrer verstorbenen Mutter teilhaben. Das hier beschriebenen Buch: "Die Mutter in mir - wie Töchter sich mit ihrer Mutter versöhnen" (2007) ist in gewisser Weise ein 'Tochterwerk', obgleich es von Müttergeschichten handelt.

Im Zentrum des Buches stehen 24 Gesprächsprotokolle. Diese sind im Rahmen von Seminaren entstanden, in denen sich die Teilnehmerinnen erzählend in die Rolle ihrer Mutter versetzten. In der Ichform schilderten sie den Zuhörerinnen in eigenen Worten das Leben ihrer Mütter.
Der hier vollzogene �imaginierte Rollentausch' induziert einen Perspektivenwechsel, der einen Wandel im Erleben und Bewerten ermöglicht und beabsichtigt. Krüll konstatiert zur mütterlichen Perspektivenübernahme: Dadurch "übernehme ich ihre Sicht der Welt, ihre Maßstäbe, erlebe die Schicksalsschläge, die sie erleiden musste. Ich fühle, wie sie als Kind die Menschen in ihrem Umfeld wahrnahm, erahne die Träume, die sie als junge Frau hatte. Ich erlebe, wie sie sich als Tochter ihrer Eltern, ihrer eigenen Mutter fühlte, welches Verhältnis sie zu ihrer Mutter hatte, ob sie ihr auch Vorwürfe machte und sich vielleicht eine andere Mutter wünschte. Ich kann nachfühlen, mit welchem Idealbild sie ihre eigene Mutter verglich und wie sie daraus den Schluss zog, für ihre Kinder - also für mich! - eine bessere Mutter zu sein." (S.15).

Die in diesem Buch präsentierte Vielfalt in den 24 biographischen Erzählungen ist anregend und berührend. Neben den Kränkungen und Enttäuschungen einzelner Frauen, werden auch Sorgen, Geheimnisse, Trauer, Wünsche und Hoffnungen durch diese Form der Auseinandersetzung spürbar. In allen Geschichten wird dessen ungeachtet sichtbar, wie groß die Wissenslücken über das Leben der Mutter sein können.
Die erzählten inneren Bilder finden sich in dieser Publikation als Gesprächsprotokolle wieder. Der gesamte Entstehungsverlauf wird dadurch nachvollziehbar. So ist es der Leserin und dem Leser möglich mittelbar als Zuhörende/r dem Seminar beizuwohnen und so auch eigene Fragen an die erzählten Geschichten zu entwickeln. Gemildert wird diese Möglichkeit durch die eingeschränkte und phasenweise nur einseitige Charakterisierung von nicht sprachlichen Vorgängen (Stimmungen, Sprechweise, veränderter Tonfall, usw.).

Über den Einzelfall hinaus spiegeln die Berichte der zwischen 1923 und 1975 geborenen Frauen ferner fragmentarisch die deutsche Alltagsgeschichte von Frauen des 20. Jahrhunderts. Mütter, der Jahre vor 1920 finden ebenso eine Sprache durch ihre Töchter, wie Mütter der Nachkriegsjahre (Frauen der Jahrgänge zwischen 1921 bis 1930) und der Wohlstandsjahre. Die spezifischen Herausforderungen und Themen, mit denen die Frauen bestimmter Jahrgänge konfrontiert waren, zeigen, wie sehr diese die Mutter-Tochter-Beziehung einfärben.

Die einleitenden Worte von Marianne Krüll beschreiben die Entstehungsgeschichte des Buches beziehungsweise der Seminare. Diese kontextgebenden Schilderungen sowie die Querschnittsanalysen und Bemerkungen im Anschluss an die Gesprächsprotokolle bieten meines Erachtens einen wichtigen Rahmen zur Einbettung der biographischen Erzählungen. Nach Krüll kristallisierten sich über alle erzählten Geschichten hinweg sechs wichtige Themen heraus:

Diese Inhalte betten die einzelnen Geschichten in einen allgemeinen gesellschaftlichen Lebenszusammenhang von Frauen. Momente individueller Perspektiven versteht Krüll damit auch als Ausdruck genereller gesellschaftlicher Muster (beispielsweise die Mütterschelte in unserer Gesellschaft). Im Anschluss daran hinterfragt die Autorin den seit Jahrhunderten aufrechten und allgegenwärtigen Mythos der "guten Mutter" und die häufige Orientierung danach: Der Muttermythos - eine gefährliche Falle.

Eine ehemalige Seminarteilnehmerinnen lässt der Autorin zwei Jahre nach ihrer Erzählung folgenden Kommentar zukommen: "Das Seminar 'Die Mutter in mir' hat mir eine neue Bekanntschaft gebracht: Meine Mutter. Natürlich kannte ich meine Mutter, aber neu war für mich die Erfahrung, die Welt, unserer Familie und auch mich mit ihren Augen anzusehen."(S.67).

Julia Fritz

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