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Buchcover Helga Krüger-Kirn:

Die konstruierte Frau und ihr Körper.
Eine psychoanalytische, sozialwissenschaftliche und genderkritische Studie zu Schönheitsidealen und Mutterschaft.
Gießen: Psychosozial Verlag 2015
http://www.psychosozial-verlag.de


„Bin ich normal, bin ich eine richtige Frau?“ Diese Frage begegnet mir immer öfter in meiner Beratungstätigkeit. Geschlechternormen regulieren uns in der binären Ordnung als entweder männliche oder weibliche Subjekte und schränken uns damit ein, sie ermöglichen uns aber auch Handlungsfähigkeit, diese Ambivalenz bleibt eine beständige Herausforderung.

Die Psychoanalytikerin Helga Krüger-Kirn hat aus 30 abgeschlossenen Frau-Frau-Analysen eine reichhaltige Studie über weibliche Subjektwerdung und Körperlichkeit verfasst. Sie geht über die Frage, wie sich soziale und symbolische Ordnungen in unsere Körper einschreiben hinaus, indem sie den komplexen Prozess der geschlechtlichen Subjektwerdung zwischen Unterwerfung, Aneignung und Subversion nachzeichnet. Zwischen Verkörperung und Abwehr von Weiblichkeitsnormen und -idealen spielt die Materialität des Körpers dabei eine nicht zu unterschätzende Rolle, wie Krüger-Kirn an vielen Symptomatiken deutlich macht. Unter Bezugnahme auf Butler, Laplanche, Foucault, Lacan und Freud und entlang der Themen Schönheit, bulimische Essstörungen, Kinderwunsch, Schwangerschaft und Muttersein entwickelt sie einen intersubjektiven Körperbegriff, der gesellschaftliche Bedingungen miteinbezieht – eine enorm wichtige und oft vernachlässigte Aufgabe im psychotherapeutischen Feld.
Die Diskrepanz zwischen körperlich-geschlechtlichem Selbsterleben und normativen Zuschreibungen („so soll ich sein“) wird schmerzhaft deutlich, aber in der Arbeit der Symbolisierung, des Zur-Sprache-Bringens tun sich auch neue Freiräume der subjektiven Aneignung und Umdeutung von Geschlechternormen auf.

Krüger-Kirns Text ist sehr angenehm zu lesen aufgrund der klaren und lebendigen Sprache sowie der konkreten Fallgeschichten aus der psychoanalytischen Praxis. Möge sich das Begehren nach Selbstbestimmung und Widerständigkeit in vielen weiteren Analysen realisieren.

Bettina Zehetner

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