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Rezensionen


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Buchcover Alfred Krieger, Heike Winter, Ulrich A. Müller, Matthias Ochs, Wiebke Broicher (Hg.):

Geht die Psychotherapie ins Netz?
Möglichkeiten und Probleme von Therapie und Beratung im Internet
Gießen: Psychosozial-Verlag 2015
http://www.psychosozial-verlag.de


Zum Einstieg in den Sammelband werden internetbasierte Interventionen bei Angststörungen und Depression vorgestellt, als konkretes Fallbeispiel das Online-Programm „Deprexis“, bei dem es sehr konkret um die Erfahrung von Selbstwirksamkeit geht. Im Artikel der bke-Onlineberatung (Bundeskonferenz für Erziehungsberatung) wird die Entwicklung und Gestaltung intensiver Beratungsbeziehungen durch ausführlich zitierte Passagen aus Beratungsverläufen lebendig. Die Texte machen die Professionalität und Sorgfalt erfahrener Onlineberater_innen deutlich.
Nach zwei technik-kritischen und eher kulturpessimistisch anmutenden Beiträgen, bei denen der Eindruck entsteht, die Autoren haben selbst kaum Erfahrung mit Beratungskontakten über die Medien Schreiben und Internet (leider wird hier auch wenig aktuelle Literatur berücksichtigt) bietet der letzte Artikel des Sammelbands Informationen zur deutschen Rechtslage und zum Regelungsbedarf für die so genannte „Fernbehandlung“. Psychotherapeut_innen dürfen in Deutschland – ebenso wie in Österreich – nur in Ausnahmefällen nicht im direkten, persönlichen Kontakt arbeiten. Das Psychotherapiegesetz stammt in beiden Ländern aus einer Zeit, in der das Internet noch kaum für psychosoziale Beratung genutzt wurde, hier gilt es, behutsam und zeitgemäß zu adaptieren. Es erscheint beispielsweise nicht sinnvoll, dass Psychotherapeut_innen keine Onlineberatung durchführen dürfen.
Es geht nicht darum, Face-to-face-Kontakte zu ersetzen - schon gar nicht weil es angeblich „effizienter“ wäre – sondern es geht um eine neue, eigentständige Form des Beratungskontakts, die erwiesenermaßen neue Zielgruppen von Ratsuchenden erreicht, die (noch) nicht bereit zu Gesprächen sind, aber Online-Angebote sehr wohl reflektiert für sich nützen können und wollen. Es geht um eine Ergänzung des bestehenden Angebots sowie die wichtige Funktion des „Türöffners“ für Face-to-face-Kontakte.
Eine gelassene Haltung dem nun wirklich nicht mehr neuen Medium Internet gegenüber ist wünschenswert, um Ratsuchende dort abzuholen, wo sie nach Informationen und Austausch suchen. Als Initiatorin der Onlineberatungsplattform frauenberatenfrauenONLINE (seit 2006) kenne ich aus meinem Arbeitsalltag die beeindruckende Wirksamkeit der Beratung im Schreiben und die Intensität der Beratungsbeziehungen, die über dieses Medium entstehen. So wie ein Medium Beziehung nicht garantieren kann (jede_r kennt missglückende Gesprächssituationen), kann ein Medium Beziehung auch nicht verhindern. Für manche Ratsuchende ist die Anonymität die Bedingung für die Kontaktaufnahme (etwa aus Schamgefühl oder aus negativen Erfahrungen missglückter Begegnungen heraus), es wäre fahrlässig, diesen Menschen nicht eine andere Möglichkeit der Unterstützung anzubieten, eben das Medium des Schreibens.

Bettina Zehetner

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