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Rezensionen


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BuchcoverAlexandra Köbele:

Ein Junge namens Sue.
Transsexuelle erfinden ihr Leben.
Gießen: Psychosozial Verlag 2011
http://www.psychosozial-verlag.de/

Wie erzählen wir die Geschichte unseres Lebens?
Entlang dieser Leitfrage werden in fünf Lebensgeschichten von Transsexuellen ungewöhnliche Wege der Identitätsfindung dargestellt. Menschen „haben“ nicht einfach eine Identität, sondern bringen diese permanent hervor – in Prozessen der Auseinandersetzung mit anderen Menschen und kulturellen Normen, in der Vermittlung zwischen innen und außen, Wünschen und Anforderungen. In der sorgfältigen Analyse der narrativen Interviews reflektiert die Autorin immer wieder den Prozess des Erzählens sowie sich selbst als Teil der Gesprächsentwicklung. Hautnah erlebbar wird hier die Konstruktionstätigkeit, sich eine eigene Biografie zu erschaffen, rund um den Wunsch und die Notwendigkeit, das körperliche Geschlecht der empfundenen Geschlechtsidentität anzugleichen.

Die Eingangsfrage des Interviews „Wie bist Du zu der Person geworden, die Du jetzt bist?“ fordert die Herstellung einer zielgerichteten Kontinuität der eigenen Lebenserzählung. Das emanzipatorische Moment liegt im Aspekt der Gewordenheit, in der Veränderbarkeit und Gestaltbarkeit des eigenen Lebens. Die sinnstiftende Vereinheitlichung und Interpretation, „immer schon“ („eigentlich“) das andere Geschlecht gewesen zu sein, scheint dagegen ein Zugeständnis an die gesellschaftliche Forderung, als anerkanntes Subjekt notwendigerweise lebenslang genau eine einheitliche Geschlechtsidentität zu haben – auch wenn die empfundene Lebensrealität quer zu den Normen der Zweigeschlechtlichkeit steht. Judith Butler zufolge ist jede Geschlechtsdarstellung eine Kopie, die Nachahmung eines real nicht existierenden Ideals und Identität somit ein nicht abzuschließender Prozess.

Die Autorin versucht immer wieder den Blick der Leser_in auf den gesellschaftlichen Hintergrund, die normativen Rahmenbedingungen und somit auf die politische Seite der als privat präsentierten individuellen Erzählungen zu lenken. Etwas Enttäuschung über die Vereinzelung, die fehlende politische Perspektive der Erzählenden klingt hier an. Die Infragestellung der Geschlechterdichotomie selbst ist kein Anliegen der Erzählenden. Die Autorin ergänzt die Interviews mit kritischen Kommentaren zur angeblichen Notwendigkeit, den Körper der gelebten Geschlechtsidentität „anzupassen“. Sie hinterfragt die manchmal stereotypen Vorstellungen von „Weiblichkeit“ und „Männlichkeit“, ein Interviewpartner stellt das Klischee des „falschen Körpers“ von Transsexuellen in Frage – diese Vielfalt an Positionen ist erfrischend. Selbstverständliches in Frage zu stellen bedeutet, neue Handlungsmöglichkeiten zu eröffnen und so ist dieses Buch auch ein Dokument über Menschen, die den Mut haben, sich zwischen dem Bedürfnis nach Normalität und der Auflehnung gegen beschränkende Normen neue Lebensräume zu erobern. Wünschenswert wäre etwas mehr theoretischer Hintergrund zu den Themen geschlechtliche Identität, Transsexualismus und Transgender, spannend wäre eine noch eingehendere Metaphernanalyse. Insgesamt ein sehr gut lesbares, materialreiches, lebendiges Werk über das Erzählen von (Geschlechter)Geschichten und ihre identitätsstiftende Wirkung.

Ganz aktuell im selben Verlag erschienen:
Die transzendierte Frau. Eine Autobiografie von Jean Lessenich

Aus Liebe entschied sich die Autorin zwölf Jahre nach ihrer Geschlechtsumwandlung, wieder als Mann zu leben. Dies schien ihr der einzige Weg zu sein, ihrer japanischen Lebensgefährtin einen dauerhaften Aufenthalt in Deutschland zu ermöglichen. Heute, fünfzehn Jahre nach deren Tod, lebt sie wieder als lesbische Frau. Eine spannende, anregend zu lesende Reise durch ein bewegtes Leben jenseits von Geschlechterklischees. Mit einem Nachwort über Autobiografien und Filme zum Thema Transidentität von Friedemann Pfäfflin.

Bettina Zehetner

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