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Buchcover Pia Janke und Teresa Kovacs (Hg.innen):

Schreiben als Widerstand.
Elfriede Jelinek und Herta Müller.
Wien: praesens 2017
http://www.praesens.at/


In den Waldheimen und auf den Haidern

Was kann literarisches Schreiben Totalitarismus und Repression entgegensetzen? Die Autor_innen untersuchen den politischen Kontext und die literarischen Methoden, mit denen Jelinek und Müller Kritik an staatlicher und patriarchaler Gewalt üben und bisweilen Utopien erahnen lassen.

Die Beiträge machen die vielfältigen subversiven Ausdrucks- und Gestaltungsformen zweier Schriftstellerinnen sichtbar, die anschreibend gegen Tabus, Vergessen und Verdrängen in ihrer Exponiertheit immer wieder massiven Sanktionen ausgesetzt waren. Die Nobelpreis-Reden von Elfriede Jelinek und Herta Müller eröffnen den reichhaltigen Sammelband. Der genaue Blick, das exakte Benennen und die Entlarvung gewaltvoller Verhältnisse durch die Mittel der Sprache werden im Vergleich der beiden Autorinnen in den unterschiedlichen Textgattungen lebendig.

Isolde Charim erhellt die Nähe, aber auch die Differenz zwischen Herta Müller und Elfriede Jelinek anhand ihrer politischen Poetikstrategien (oder poetischen Politikstrategien): Während Herta Müller darauf zielt, das Individuum zu retten, ein Schlupfloch für den Einzelnen zu öffnen, der im Totalitarismus von Auslöschung bedroht und verwundet ist, zielt Elfriede Jelinek darauf ab, das (rechte, männliche) Phantasma der vollen, selbstgenügsamen Identitäten durchzustreichen. In beiden Fällen muss Kritik der Eindeutigkeit der Sprache misstrauen und diese unterlaufen, denn Eindeutigkeit ist das Kennzeichen einer „selbstgewissen“ Sprache der Macht (Jelinek), die niemals an sich zweifelt. Es sind literarische Verfahren, die ähnlich wie die Psychoanalyse das politische Unbewusste zur Sprache bringen – Selbstentlarvung der Sprache, zur Kenntlichkeit entstellt bei Jelinek, Retten der Individualität durch paradoxe gegenstrebige Fügung und „Dichten mit den Gegenständen“ bei Herta Müller. Das ist kein bloßes Sprechen „über“ etwas, das ist performatives Sprechen: Sprache als Widerstandsmanöver und Überlebenstechnik, als Herstellen einer Lücke, einer Abweichung und Unterbrechung, um das aufleuchten zu lassen, was der Totalitarismus zum Verschwinden bringen, sich einverleiben will: das Individuelle am Individuum – die „Herzschaufel“-Assoziation des Gefangenen oder das Taschentuch in Herta Müllers Nobelpreisrede, in dem Geborgenheit sinnlich konkret wird. Es ist dies nichts weniger als die Erfindung einer Wahrheit, die der verschlingenden und scheinbar eindeutigen Sprache des Totalitarismus entrissen werden muss.

Bonus-Track: Eine CD mit politischen Essays von Jelinek und Müller, gelesen von Sylvie Rohrer und Andrea Eckert.

Bettina Zehetner

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