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Buchcover Michaela Huber:

Der Feind im Innern. Psychotherapie mit Täterintrojekten.
Wie finden wir den Weg aus Ohnmacht und Gewalt?
Paderborn: Junfermann 2013
http://www.junfermann.de/

Den „Feind im Innern“ nützen

Michaela Huber, Expertin für Traumatherapie hat hier in einem 10jährigen Schreibprozess Reflexionen aus ihrer eigenen Therapiepraxis mit vielen Gesprächen mit Betroffenen und Fachleuten aus dem psychosozialen Feld kombiniert.

Berater_innen und Therapeut_innen, die mit Gewaltüberlebenden arbeiten, müssen sich auch mit Täterintrojekten - destruktiven Gedanken-, Gefühls- und Verhaltensimpulsen ihrer Klient_innen - auseinandersetzen. Diese Anteile haben Gewaltbetroffenen in extremsten Momenten geholfen zu überleben. Ein gequältes Kind identifiziert sich mit dem Misshandler, um Bindung aufrechterhalten zu können; es verinnerlicht Teile dieses gewalttätigen Denkens, Fühlens und Handelns.
Die Autorin stellt die Fragen: Wie lassen sich zerstörerische Impulse unter Kontrolle bringen? Wie können wir dem Misstrauen von extrem verletzten Hilfesuchenden sinnvoll begegnen? Wie können aus täterimitierenden Anteilen Verbündete des therapeutischen Prozesses werden? Welche Möglichkeiten gibt es, zu verhindern, dass jemand zum Täter wird?
Die Herausforderung in dieser Arbeit mit selbst- und fremdschädigenden Impulsen besteht darin, den Feind im Innern nutzbar zu machen und zur Kooperation zu bewegen. Michaela Huber bringt hierfür eindrucksvolle Beispiele aus ihrer therapeutischen Arbeit. Aus Stimmen, die Veränderung sabotieren, können in respektvoller Auseinandersetzung kritische und warnende, ja sogar stärkende und selbstschützende Stimmen werden. Dissoziation wird als überlebensnotwendige Strategie anerkannt und die dissoziierten Anteile der Person können miteinander ins Gespräch kommen.

Frauen, die in ihrer Kindheit Gewalt erlebt haben, werden häufiger als Erwachsene wieder Opfer von Gewalt in der Partnerschaft; bei Männern, die in der Kindheit Gewalt ausgesetzt waren, steigt hingegen die Wahrscheinlichkeit, als Erwachsene selbst zum Täter zu werden. Etwas irritierend erscheint der häufige Bezug auf die Neurowissenschaften und Argumentationen aus der Biologie, derer die sehr plausiblen psychologischen Erklärungszusammenhänge gar nicht bedürfen. Zwar wollte schon Freud die Psychoanalyse naturwissenschaftlich fundieren, jedoch findet die beraterische und therapeutische Beziehungsarbeit auf einer anderen Ebene statt als auf derjenigen bloßer Wahr-falsch-Dichotomien oder beliebig mit demselben Ausgang wiederholbaren Experimenten. Quantifizierung, Messbarkeit und Eindeutigkeit sind keine adäquaten Kategorien, die Kraft der Geisteswissenschaften besteht ja gerade in ihrer hermeneutischen Vielfalt, die Michaela Huber in ihren lebendigen Fallgeschichten anschaulich macht. E-Mail-Dialoge, Gesprächsausschnitte, Bilder von Klientinnen und Interviews mit FachkollegInnen und Betroffenen machen das Buch spannend und gut lesbar. Das direkte Ansprechen der Leserin lädt ein zur Selbstreflexion.

Die Autorin plädiert für individuelle und unkonventionelle Strategien in der Therapie, dies kann bei Bedarf auch mal eine sozialarbeiterische Intervention oder ein Besuch der Klientin im Krankenhaus sein, um ihre Hand zu halten. Konsequente Abstinenz und Regeln ohne Ausnahmen hält sie bei sehr schwer traumatisierten Personen, die noch nie eine liebevolle Bindung erlebt haben, für kontraproduktiv. Ihre Neugier, Geduld und Kreativität wird in den sehr persönlich geschilderten Fallvignetten und Interviews in beeindruckender Weise deutlich. Ergänzt wird das Werk durch Bilder aus kunsttherapeutischen Prozessen und eine reichhaltige Literaturliste zur Arbeit mit traumatisierten Menschen.

Bettina Zehetner

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