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Buchcover Doris Hermanns (Hg.):

Wär mein Klavier doch ein Pferd.
Erzählungen aus den Niederlanden.
Hamburg: Edition Fünf 2016
http://www.editionfuenf.de/


Die Seele des Klaviertiers

15 Erzählungen niederländischer Autorinnen vom Anfang des vorigen Jahrhunderts bis in die heutige Zeit umfasst diese wunderschön gestaltete Anthologie. Von Grenzerfahrungen und Grenzüberschreitungen, von Annäherung, liebevoller Geborgenheit und Verlust schreiben die Niederländerinnen, viele davon mit eigenen Verfolgungs- und Migrationserfahrungen. Sich zwischen unterschiedlichen Kulturen, Sprachen und Religionen zurechtzufinden, einen Ort für sich finden, einen Ort für sich schaffen, das Neue und das Alte, das „Eigene“ und das „Fremde“ der alten Heimat mit dem Leben in der neuen Umgebung zu versöhnen.

Die meisten der hier gesammelten Texte wurden für diesen Band erstmals auf Deutsch übersetzt – behutsam und mit viel Fantasie. Mit besonders bildhafter Sprache und Imagination beeindrucken die indisch-niederländischen Autorinnen (die Kolonialgeschichte des Landes wird spürbar, „Niederländisch-Indien“ heißt heute Indonesien und es gibt nach wie vor noch drei Karibikinseln, die zu den Niederlanden gehören). Ein braunes und ein blaues Auge verkörpern die östliche und die westliche Seele einer der Protagonistinnen, einem Mädchen, Sofia, auf der Suche nach ihrer Identität in ihren unterschiedlichen Lebenswelten. Sofia hat eine Autophobie, die sie aber nicht stört, denn sie geht ohnehin am liebsten zu Fuß. Sofia kannte als Kind nur eine Regel: die Erzählregel. „Nach dem Abendessen mussten meine Mutter, mein Vater und ich eine Geschichte erzählen. Es spielte keine Rolle, worüber, sie brauchte nicht einmal wahr zu sein, Hauptsache sie war lustig. Traurige und gruselige Geschichten waren verboten. Meine Mutter fand es wichtig, dass man mit einem Lächeln auf dem Gesicht einschlief.“ Ihre Tante Kiep hat Lehrsätze für jede Lebensphase. „Sie reichen von dreimal siebenmal kauen, bevor man schluckt, bis dahin, immer eine Flasche Champagner im Kühlschrank zu haben, um auf unverhoffte Glücksmomente anstoßen zu können.“

In der köstlichen titelgebenden Erzählung streichelt ein Mädchen andächtig die schwarze glatte Haut des hochmütig schweigenden Klaviers, das sich nach und nach als Instrument mit einem Herz und einer Seele und einem großen, verständnisvollen Bauch entpuppt, in dem es surrt und schnurrt und die ersehnten Haustiere zum Leben erwachen. Das Motiv der Klaviertasten – der Zähne des Klaviertiers – zieht sich auch durch die originelle grafische Gestaltung des Erzählbandes. Empfehlung!

Bettina Zehetner

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