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BuchcoverElisabeth Hellmich:

forever young?
Die Unsichtbarkeit alter Frauen in der Gegenwartsgesellschaft
Wien: Milena Verlag, 2008 (2. Auflage) - www.milena-verlag.at
ISBN: 978-3-85286-152-4

Anstoß der Autorin zu diesem Buch Elisabeth Hellmich (geb. 1930) folgt der Annahme, dass Frauen in der Gegenwartsgesellschaft weitgehend unsichtbar sind und oft in klischeehafter, nicht realitätsgerechter und häufig abwertender Weise dargestellt werden.
Ausgehend von dieser These untersuchte die Soziologin im Rahmen ihrer Dissertation Fragen um den Themenkomplex: Wie hält es der Feminismus mit den alten Frauen?

Teil 1 und 2
Hellmich eröffnet ihre Arbeit mit der Darlegung ihrer persönlichen (feministischen) Positionierung, von der aus sie sich dem Thema Frauen im Altersdiskurs nähert. Sie wirft insbesondere die Frage auf: Welche Mechanismen und Bedingungen Frauen UNSICHTBAR werden lassen (Teil 1). Diesem Interesse folgend erläutert sie nachfolgend soziologische Erkenntnisse zu den Themen "Altern und Geschlechterdifferenz" (Teil 2).
Konstruktion von Bildern des Alters (doing ageing) - Nachfolgend werden die klischeehaften Zugänge des Kompetenz- sowie des Defizitmodells zu Alter(n), Altwerden und Altsein vorgestellt. Die Soziologin erkennt in ihnen Mythen oder auch Codes der Alterserwartung, wodurch eine Konstruktion von Bildern des Alters sichtbar wird. Es wird die Einseitigkeit beider Modelle diskutiert und auf die gegenseitige Beeinflussung von Selbst- und Fremdwahrnehmung und deren Folgen für eine Gesellschaft hingewiesen. Im Zuge dessen diagnostiziert Hellmich eine Art "Fehlsichtigkeit" aufgrund von unbeirrbaren Erwartungen. Sie plädiert für mehr soziologische Untersuchungen, die Lebensrealitäten und damit die Lebenslagen des Alterns differenziert darstellen.
Ageismus und/ oder Altersfeindlichkeit - Im Zuge der Konstruktionen von Bildern des Alters geht Hellmich gezielt auf den Sprachgebrauch ein. Sie versteht Umschreibungen wie 'älter' und 'dritte Lebensphase' mehrheitlich als Beschönigung, die zur Unsichtbarkeit beitragen. Bezeichnungen wie 'Grufties' oder auch 'Überalterung' identifiziert die Soziologin als Ausdruck von Altersfeindlichkeit. Dabei zitiert sie Undine Kramer mit dem Hinweis: Wenn Altern vorwiegend ein negativ besetzter Begriff ist, so führt dies zur Stigmatisierung des Prozesses Altern und der davon betroffenen Gruppe. Diese Form der sozialen Diskriminierung, wie auch Klischees, Mythen, Cartoons u.v.m, beschreibt der Begriff "Ageism".
Ist das Alter weiblich? - Hinter dem Altersdiskurs finden sich oft unreflektierte, klischeehafte Polarisierungen von Frauen. Die Strukturkategorien: Geschlecht und Alter treffen hier besonders eng aufeinander (Stichwort: Feminisierung im Alter). Hellmich hält in Anlehnung an Gertrud Backes fest: Ageing is a gender process! Damit rücken weitere Themen in den Vordergrund wie Alters-Armut und soziale Ausgrenzung. Die Bezeichnung "gefährliche Kreuzungen" von Eva Kalny benennt Mehrfachdiskriminierungen. Hellmich greift auf diesen Ausdruck zurück: Frauen sind in unserer Gesellschaft die 'Anderen', die Nicht-Männer; gleichermaßen sind alte Menschen üblicherweise die 'Anderen', die Nicht-Jungen. Solche Zuschreibungen, resümiert die Soziologin, sind immer verbunden mit gesellschaftlicher Unsichtbarkeit - einem Verschwinden aus der öffentlichen Wahrnehmung.

Teil 3 bis 6
Die anknüpfenden vier Kapitel widmen sich unterschiedlichen methodischen Zugängen zur Thematik. Anfangs werden bildliche Darstellungen von alten Frauen (Teil 3 und 4) untersucht. Die Autorin stellt in weiterer Folge aufbauend auf Studien von Gerd Göckenjan idealtypische Bilder, die sich in den letzten Jahrhunderten herausgebildet und erhalten haben, vor: die weise Alte, die alte Jungfer, die böse (dumme) Alte und die Großmutter. Anhand von ausgewählten Beispielen aus der Werbung, zeigt Hellmich auf, dass diese stereotypengleichen Bilder den heutigen Altersdiskurs nach wie vor prägen. Sie fließen subtil oder auch direkt in unsere Bedeutungszuschreibungen über Kommunikation ein. Anhand von fünf ausgewählten österreichischen (politischen) Karikaturen ergründet die Autorin in weiterer Folge Verschränkungen der Lebensrealität alter Frauen und des gesellschaftlichen Blickes. Durch die Karikaturanalysen kristallisieren sich zahlreiche Einseitigkeiten und Verkürzungen in der Wahrnehmung und Darstellung alter Frauen heraus. Hellmich arbeitet die Verwendung von älteren Frauen als Zentralfiguren in der Medienlandschaft heraus. Sie weist auf die starke Tendenz hin, mithilfe von Illustrationen von weiblichen Prototypen Altersthematiken in der Öffentlichkeit aufzugreifen.
Der nächste Teil (Teil 5) der Arbeit folgt einer Analyse von persönlichen Schilderungen und Wahrnehmungen von fünf Frauen im Alter von 56-73 Jahren. Im Zentrum steht hierbei die Frage: Wie feministischen Kreisen angehörende Frauen mit Fragen des Alter(n)s umgehen. Die Gesprächsanalysen im Kapitel "Ich bin (k)eine Feministin" beleuchten wie "Spots in einer großteils dunklen Umgebung die gesellschaftlichen Defizite", vor allem den "fehlenden gesellschaftlichen Gestaltungswillen im Hinblick auf eine älter werdende Gesellschaft mit einem hohen Anteil an alten Frauen", konstatiert die Autorin (S.113). Sie resümiert: "mehr als das eine oder andere Blitzlicht scheint auch im feministischen Kontext nicht auf" (ebenda).
Abschließend (Teil 6) analysiert Hellmich feministische Printmedien (EMMA, an.schläge, Schlangenbrut, Der Apfel, Die Philosophin) auf deren Beschäftigung mit Frauen im Alter. den untersuchten Zeitschriften im Zeitraum von 1991 bis 2000 fand sie das Thema "Frauen und Alter" nur marginal vor (insgesamt 14 Beiträge in 9 Jahren). Auch hier begegnete sie Ageismus. Die "gefährliche Kreuzung" auf der sich alte Frauen be- und vorfinden, wurde von der Redaktionen der Zeitschriften [ihrer Analyse nach] (noch) nicht der Realität entsprechend wahrgenommen" (S.139).

Teil 7
Hellmich schließt ihr Buch mit einem Rückblick und Ausblick auf aktuelle gesellschaftliche und wissenschaftliche Entwicklungen. Ihre Ausführungen folgen hier der Frage nach einer Standortbestimmung des Feminismus.

Fazit
Die vielen verschiedenen Zugänge zum Thema "Frauen und Alter(n)", die Hellmich mit ihrem Buch "forever young?" aufzeigt, entwickeln Lust sich intensiver mit Frauen im Altersdiskurs zu beschäftigen. Das Buch beinhaltet Essenzen und wichtige Punkte, ausführliche Abhandlungen finden sich leider nur in der diesem Buch zugrunde liegenden Dissertation.
Es wird deutlich, wie wenig präsent die Gruppe der über-sechzigjährigen Frauen ist, obwohl sie ein Achtel der Bevölkerung in Österreich ausmacht. Die Journalistinnen Haman und Linsinger konstatieren in ihrem Buch "Weißbuch Frauen / Schwarzbuch Männer. Warum wir einen neuen Geschlechtervertrag brauchen" (2008), dass Millionen Frauen zu einer Randgruppe gemacht werden, ohne, den Zahlen nach, eine zu sein. Aufmerksamkeit erhalten sie vor allem, wenn es um Pflege oder Pensionen geht. Die vorherrschende und drohende gesellschaftliche Unsichtbarkeit alter Frauen macht Hellmich unweigerlich sichtbar. Es werden Faktoren benannt, die die Unsichtbarkeit hervorrufen: Die Position als 'Andere' durch Frau-Sein und Alt-Sein, die Geschlechtslosigkeit durch das Ende der Gebärfähigkeit, die Ausschlussverfahren durch die Sprache und oft auch zusätzlich soziale Diskriminierung infolge ökonomischer Benachteiligung. Besonders hervorhebenswert finde ich ihre Diagnose der drohenden "Fehlsichtigkeit". Wird eine ganze Bevölkerungsgruppe vorwiegend klischeehaft, abwertend, nicht realitätsgerecht wahrgenommen und dargestellt, bleibt dies nicht ohne Konsequenzen.

Julia Fritz

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