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Rezensionen


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Buchcover Rachel Gratzfeld (Hg.in):

Bittere Bonbons.
Georgische Geschichten.

Hamburg: edition fünf 2018
http://www.editionfuenf.de/2018/


Die stärksten dreizehnjährigen Mädchen - Geschichten, die unter die Haut gehen

"Papa, ich bin ein dreizehnjähriges Mädchen.

Dreizehnjährige Mädchen sind die stärksten Mädchen auf der ganzen Welt. Dreizehnjährig Mädchen haben keine Angst vor den Toten.

Dreizehnjährige Mädchen wissen, dass sie alle Äxte verstecken müssen.

Dreizehnjährige Mädchen wissen, dass sie nur eine Axt dalassen müssen. Die Axt, mit der sie den Apfelbaum fällen. Den Baum, an dem du schlenkerst und in die Ferne schaust.

Dreizehnjährige Mädchen weinen nie.

Dreizehnjährige Mädchen sind die größten Mädchen auf der ganzen Welt."

(Nino Tarchnischwili: Das dreizehnjährige Mädchen, die Rattenpfoten und der Apfel, in: Bittere Bonbons 2018, S. 43)

Harte Geschichten in starken Sprachbildern, treffend formulierte Szenen aus dem Leben von Mädchen und Frauen im heutigen Georgien, voller Trauer, Mut und Humor. Nur 4,5 Millionen Menschen sprechen die expressive georgische Sprache, die eine eigene, wunderschöne Schrift besitzt. Werke von Autorinnen sind seit dem 11. Jahrhundert belegt - damit können nur wenige Nationalliteraturen aufwarten, so die Herausgeberin dieses Sammelbands Rachel Gratzfeld in ihrem Nachwort. Die georgischen Schriftstellerinnen sind präsent wie nie zuvor in der georgischen Literaturgeschichte. Dieser neuen, kraftvollen Generation von Autorinnen ist dieser Band gewidmet. Die 13 Schreiberinnen sind alle nach 1968 geboren, die jüngsten haben Sowjetgeorgien nur mehr als Kleinkinder erlebt. Ihre Themen sind Gewalt und die Auflehnung dagegen - in Schule und Staat ebenso wie innerhalb der patriarchal organisierten Familie, Sexualität und ihre Tabuisierung in der georgischen Gesellschaft, die Natur, immer präsent im ländlich geprägten Leben und die Bedeutung von Heimat vor dem Hintergrund einer wechselvollen Geschichte. Fast alle der ausgewählten Autorinnen schreibt aus einer Ich- oder personalen Perspektive, was den Texten eine noch intensivere identifikatorische Kraft verleiht. Geschlechterbeziehungen, Träume und Desillusionierung, das Ringen um ein selbstbestimmtes Leben im Kontext von Tradition und familiären Banden werden lebendig und hautnah spürbar.

Bettina Zehetner

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