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Rezensionen


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BuchcoverSonja Eismann (Hg.):

Hot Topic. Popfeminismus heute
Mainz: Ventil Verlag 2007 www.ventil-verlag.de

Feminismus ist populär - dieses Buch ist ein Beweis dafür!

"My Body the Hand Grenade" - der Albumtitel der Frauenpunkband Hole mit Sängerin Courtney Love ist auch der Titel eines der treffendsten Artikel in der vorliegenden Textsammlung. Ina Freudenschuss beschreibt den normgerechten, ausgehungerten, weiblichen Körper als Quelle der Anerkennung in einer leistungsorientierten Gesellschaft, jedoch vor allem als neoliberalen Kitt, der das Körper-als-Ware-System zusammenhält.
Sarah Diehl gibt in Ihrem Beitrag "Selbstbestimmung in der anorektischen Selbstaufgabe" einen Einblick in provokante Pro-Ana-Websites - Magersucht als Lebensstil und dürre Körper als scheinbar widerständige Akteure, die als Symptomträger gegen den gesellschaftlichen Erwartungsdruck, schön zu sein und zu funktionieren, auftreten. Auch wenn die kontrollierte Selbstaufgabe von den hungernden und kotzenden (anorektischen und bulimischen) Frauen als Empowerment erlebt werden kann, lassen sich Frauen durch diese Selbstzurichtung einmal mehr auf ihre Plätze - die Definition über den Körper - verweisen.

Pia Thilmanns Text "Spielregeln fürs Männermimen - Drag Kings in der Populärkultur" beschreibt das "Kingen": Frauen (oder auch Männer) "spielen" Männer, von der Rolle des Bauarbeiters bis zur Elvis-Imitation. Durch die Inszenierung wird die Künstlichkeit, Konstruiertheit und somit Veränderbarkeit von Geschlechternormen und -identitäten sichtbar. Neben der Lust des Zuschauens eröffnen sich in der Performance Spielräume für die Neugestaltung des Darstellens von Männlichkeit und Weiblichkeit.

In "Putting the F-word on the fashion map. Wenn Mode radikal wird" erzählt Stephanie Müller von kämpferischen Stricklieseln und "Stitch'n'bitch" - Gruppen, in denen junge Frauen alternative Stickbilder mit der Inschrift "Homo sweet homo" mit Zierbordüren versehen und jenseits des modrigen Images vom mädchen-domestizierenden Handarbeiten dieses auch im Sinne von antikapitalistischer Konsumverweigerung für sich neu entdecken und auf öffentlichen Plätzen (bevorzugt Einkaufsstraßen blockierend) als politisches Statement kultivieren.

"Hot Topic" enthält 28 Artikel und theoriegefütterte Essais zu persönlichen Erlebnissen, gruppiert um die Themenkomplexe Sexualität / Identität, Körper / Bilder, Medien / Arbeit, Do It Yourself / Aktivismus, Feminismus / Alltag und Musik / Repräsentation, dazu noch Comics, Fotos und Artwork.
Es ist eine abenteuerliche Mischung aus - oft sehr persönlich gehaltenen - Texten zu Homophobie, Porno, HipHop, Motörhead, Verhütung und Abtreibung, zur Couch-Politik: Feministische Aspekte in TV-Serien (Chris Köver) und Grrrl-Zines als Ort der Selbstbestimmung (Elke Zobl). Li Gerhalters Text "Wie Angora - Körperbehaarung ist out und krause Politik" handelt humorvoll vom Zuviel oder Zuwenig an Körperbehaarung.
Nicht versäumen: die unterhaltsam verfassten Kurzbiografien der Autorinnen am Ende des Sammelbands, fast alle sind um die 30 und leben ihre feministische Praxis an vielen verschiedenen Orten.

Verwandtes Werk: Female Consequences. Feminismus, Antirassismus und Popmusik. Herausgegeben von Rosa Reitsamer und Rupert Weinzierl, Wien: Löcker-Verlag 2006 www.loecker.at

Bettina Zehetner

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