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Buchcover Traude Ebermann:

Sexualität in der Imagination -
Blumige Muschelgeschichten.

Über die Wirksamkeit von Motiven der Katathym Imaginativen Psychotherapie.
Gießen: Psychosozial Verlag 2019
http://www.psychosozial-verlag.de/

Die Muschel als Füllhorn

Die Muschel gilt im kollektiven Unbewussten als Symbol des weiblichen Genitals, wie Botticellis Gemälde „Die Geburt der Venus“ zeigt: eine in einer Muschel stehende Frau, vom Meer getragen. Die Psychotherapeutin Traude Ebermann verwendet das Motiv der Muschel, um Bilder, Assoziationen und Geschichten im Zusammenhang mit Körper, Beziehung und Sexualität zu generieren – Wie bin ich in der Welt, wie bin ich mit mir und anderen in der Welt, wie nehme ich Kontakt auf, welche Erfahrungen von Zärtlichkeit, Lust und Gewalt beschäftigen mich, welche familiären Konstellationen fordern mich heraus, wie lebe ich meine Kreativität? All diese und noch viele Fragen mehr können angeregt werden durch die Aufforderung, sich eine Muschel vorzustellen und darüber zu erzählen.

Die Katathym Imaginative Psychotherapie (KIP) ist eine tiefenpsychologische Psychotherapiemethode, in deren Rahmen Klient_innen mithilfe von angeleiteten Fantasiereisen, sogenannten Imaginationen, Zugang zu ihrem Unbewussten erlangen und mehr über sich erfahren können. Traude Ebermann kritisiert völlig zu Recht patriarchale Muster, wenn sie Motive wie „Autostopp“ für die Erforschung weiblicher Sexualität (Soll die Klientin nachts auf einer Landstraße das Angebot eines vorbeikommenden Autofahrers annehmen und einsteigen?) und „Rosenbusch“ (welcher den Mann vor die Wahl stellt, das sich stechend wehrende Röslein zu brechen oder zu verschonen) in ihrer Konventionsverhaftetheit ablehnt und ersetzt durch das Motiv der Muschel. Die Muschel bietet für alle Geschlechter Anlass für die unterschiedlichsten Assoziationen, sanfte Weichheit, kalkige Härte, feuchtschleimiges Innenleben, das sich behutsamer Öffnung zeigt und vieles mehr wie in den Schilderungen der Imaginationsreisen deutlich wird. Es ist sehr beeindruckend, wie sich in kürzester Zeit ein intensives Übertragungs- und Gegenübertragungsgeschehen entfaltet und welche erstaunlichen Entdeckungen die Interviewpartner_innen dabei machen.

Traude Ebermanns präzise und kreative Arbeit stellt einen wichtigen Beitrag emanzipatorischer Psychotherapieforschung dar. Ihre mit größter wissenschaftlicher Genauigkeit erarbeitete Studie macht patriarchale Grundmuster bewusst und inspiriert dazu, diese in Richtung von mehr Denk- und Handlungsfreiheit für alle Geschlechter und einer Haltung des „offenen Gender“ (Angelika Grubner) in der Psychotherapie zu überwinden. Besonders gelungen ist die gute Lesbarkeit des Textes – es ist eine Freude, sich den blumigen Muschelgeschichten in der bunten Vielfalt der hetero-, homo- und transsexuell orientierten Protagonist_innen zu widmen. Die Studie regt zu einem erweiterten Verständnis von Sexualität an, indem sie Introjekte männlich konnotierter Sexualität bei Frauen ebenso wie weiblich konnotierte Sexualität bei Männern nachweist. Die grundlegende psychische Bisexualität und der polymorph-perverse Charakter menschlicher Sexualität wird an vielen Bildern sichtbar und eröffnet ein Universum der lustvollen Beschäftigung mit Symbolisierungsprozessen. Besonders spannend für den feministischen Blick: Die Konstrukte von Weiblichkeit und Männlichkeit beginnen sich in den Imaginationsreisen aufzulösen und zu vervielfältigen, unterwegs zu einer Fluidität von Geschlecht.

Bettina Zehetner

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