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Rezensionen


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Buchcover Stefanie Duttweiler, Robert Gugutzer, Jan-Hendrik Passoth, Jörg Strübing (Hg.):

Leben nach Zahlen.
Self-Tracking als Optimierungsprojekt?
Bielefeld: transcript-Verlag 2016
http://www.transcript-verlag.at/


Selbstvermessung bis in den Schlaf: Die "Quantified-Self-Bewegung"

Was ändert sich, wenn Selbsterkenntnis zum digitalen Produkt wird? Fitnesstracker (Armbänder, Smartwatches) zählen Schritte, überwachen unseren Puls und erstellen tägliche Bewegungskarten. Über Bluetooth werden diese Daten mit anderen Überwachungsgeräten verbunden: Health Apps messen Blutzucker und Körperfettanteil sowie die zu sich genommenen Kalorien und analysieren das Schlafverhalten. All das sind weitere Mittel, sich selbst anzutreiben, fitter und leistungsfähiger zu werden. Was hat es auf sich mit dieser bereitwilligen Selbstvermessung und Selbstverfolgung, dieser Quantifizierung des Selbst-Gefühls? Wieso unterwerfen so viele sich freiwillig solchen Vermessungsprozeduren? Wieso trauen wir Zahlenwerten mehr als subjektivem Empfinden?
Auch immer mehr Männer steigen ein in wettkampfartige Vergleiche von Körperdaten. Frauen, die sich schon sehr lange mit Selbstvermessung im Rahmen von Dauerdiäten und Essstörungen quälen, könnten Schadenfreude über diese Entwicklung empfinden, wenn sie nicht die Schraube der Selbstdisziplinierung noch weiter drehen und immer bedrohlichere Auswirkungen für uns alle anzeigen würde. Diese „Körper-Polizei“, dieses polizeiartige Überwachen des Körpers passt zur zunehmenden Individualisierung und Entsolidarisierung: Neoliberale Ich-AGs sind eigenveranwortliche Manager ihrer Gesundheit, ebenso wie ihrer Karriere und ihrer Sozialversicherung, diese Selbstüberwachung und Weiterleitung der Daten wird zunehmend von Versicherungen in Form von Prämien belohnt.
„Aktives“ Altern, Lern- und Leistungsfähigkeit möglichst bis zum Lebensende, um nur ja keinen Gedanken an die Endlichkeit aufkommen zu lassen… Begrenztheit wird nicht anerkannt, etwas nicht zu schaffen gilt nicht. Grenzen sind dazu da, überwunden zu werden. „Ich höre nicht auf, wenn ich müde bin, ich höre auf, wenn ich fertig bin“ ist ein häufiges Credo von Motivations- und Lauftrainern. Kein anderer muss uns mehr disziplinieren, wenn wir uns selbst regieren. Die dauernde Selbstvermessung zu verweigern ist ein lohnendes Wagnis. Den Fetisch Fitness zu boykottieren kann sehr lustvoll sein.

Zur Paradoxie der Selbstregierung – zwischen Zwang und Zustimmung, zwischen Selbstsorge und Selbsttechnologie

Wir sind verführbar durch die Anerkennung, die wir erhalten, wenn wir Erwartungen entsprechen. Die Erfüllung dieser Anforderungen – erfolgreich und leistungsfähig zu sein, sich selbst zu verwirklichen, normschlank zu sein - wird als eigenes Bedürfnis erlebt. Die Selbstausbeutung ist effizienter als die Fremdausbeutung, weil sie von einem Gefühl der Freiwilligkeit begleitet wird.
Wie unterscheide ich nun Fremdanforderungen von dem, was ich will? Wie ist dieses Verhältnis von Selbst- und Fremdbestimmung zu begreifen, wenn doch das „eigene“ Bedürfnis und der „fremde“ Zwang kaum unterscheidbar ineinander verstrickt sind? Und wie wollen, wie können wir dieses Verhältnis verändern - „sich nicht so, nicht in dieser Weise selbst zu regieren?“ Wie widerstehe ich der Versuchung zur Zustimmung zu diesem Diskurs (wenn ich doch selbst leistungsfähig sein will, Erfolg haben will, begehrt werden will)? Wie entgehe ich der Intensivierung und Entgrenzung von Arbeit, die den Einsatz all meiner Kräfte fordert, die Aufhebung der Trennung zwischen Erwerbsarbeit und Privatleben, die die Verfügbarkeit rund um die Uhr verlangt? Wie löse ich mich aus der Logik des Wettbewerbs, die bis in die intimsten Beziehungen hineinwirkt? (Eltern als Bildungsunternehmer ihrer Kinder). Wie gehe ich mit dieser paradoxen Selbstverknechtung um? Wie kann ich Normen mit kritischer Distanz betrachten, die mich als Subjekt begründen? Es braucht Raum und Zeit, um diese Fragen gemeinsam mit anderen zur Sprache zu bringen.

Die Beiträge dieses Bandes diskutieren mögliche Auswirkungen dieser veränderten zeitgenössischen Selbst- und Körperverhältnisse im digitalen Geflecht aus technischer Kontrolle, Selbstkontrolle und sozialer Kontrolle.

Bettina Zehetner

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