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Rezensionen


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Buchcover Charlotte Busch, Britta Dobben, Max Rudel, Tom David Uhlig (Hg.):

Der Riss durchs Geschlecht.
Feministische Beiträge zur Psychoanalyse.

Gießen: Psychosozial-Verlag 2018
http://www.psychosozial-verlag.de/


The Mamis and the Puppies

Wir stehen der Aufforderung zur Männlich- oder Weiblich-Normierung nicht einfach gegenüber, sondern diese Normierungen gehen durch uns selbst hindurch, begründen uns als Subjekte bis hinein in unsere innersten Wünsche, wie wir leben wollen. Das macht es oft so schwer zu durchschauen, warum bin ich (geworden) wie ich bin, warum denke ich, so und so sein zu müssen, bestimmte Dinge nicht zu dürfen oder zu müssen. Psychoanalytische Theorie und Praxis können hier wertvolle Erkenntnisse bringen und uns zu bewussterem Wahrnehmen verhelfen.

Im Titel gebenden Text „The Mamis and the Puppies“ lotet Ann-Madeleine Tietge die Möglichkeiten und Grenzen von Kritik an Heteronormativität in heterosexuellen Paarbeziehungen aus. In unserer binären Geschlechterordnung gelten bestimmte Eigenschaften und Verhaltensweisen entweder als angemessen oder als unangemessen für Männer oder Frauen. Die Herstellung von Männlichkeit basiert in diesem symbolischen System ganz wesentlich auf der Durchsetzung von Dominanz- und Machtansprüchen sowie auf Abwehr und Erniedrigung von Weiblichkeit. So überträgt und delegiert beispielsweise ein männlich sozialisierter Partner sein verpöntes Bedürfnis nach Bindung auf seine Partnerin, während er ihr Bedürfnis nach Autonomie stellvertretend für sie auslebt. Unbewusst wird dabei eine Mutter-Sohn-Beziehung reproduziert, bei dem die mütterliche Selbstaufopferung der Partnerin ihrem Partner die Möglichkeit zur Selbstverwirklichung zugesteht. In der ausgewählten Fallgeschichte entledigt sich der Partner seiner Versorgungsaufgaben, also seiner elterlichen Position, indem er durch mangelndes Engagement seine Partnerin im Glauben lässt, sie würde die Beziehung dominieren. Daraus entsteht auch ein unangemessenes Mutter-Sohn-Verhältnis zwischen den Partnern als Eltern. Die Gegenüberstellung von Aktivität und Passivität ist allerdings irreführend, wenn ein aktives Subjekt (die Partnerin) selbstaufopfernd um ein passives Subjekt (den Partner) kreist. In ihrer tiefenhermeneutischen Untersuchung von Interviews mittels Interpretationsgruppe kommt die Autorin zur Erkenntnis, dass die Aufwertung von Autonomie und Selbstverwirklichung immer nur auf dem Rücken derer ausgetragen werden, die diese Ziele durch ihre reproduktiven Tätigkeiten stützen. Diese Tatsache wird häufig verleugnet und mütterliches Sorgen abgewertet bzw. als paternalistisches Kontrollieren-Wollen abgewehrt.

Barbara Rendtorff geht der Frage nach, was die Geschlechterforschung von der Psychoanalyse lernen kann und umgekehrt und findet produktive Überschneidungen und potenziell bereichernde gegenseitige Kritik. Tove Soiland geht es in ihrem Text „Der Umsturz des Ödipalen“ darum, der kulturell-symbolisch nach wie vor bestehenden Subjektlosigkeit der Mutter ein Ende zu bereiten, indem für das, was sie gibt, eine kulturelle Repräsentation gefunden wird.

Unter dem unheimlichen Titel „Wenn einem die Natur kommt“ reflektieren Tom David Uhlig und Max Rudel die Identitätsversprechen im Antifeminismus. Das patriarchale Konstrukt Männlichkeit begründet eine unlösbare Zwangslage zwischen Autonomiewunsch (oder –pflicht) und Abhängigkeitsangst. Dieses „Männlichkeitsdilemma“ stellt eine der wichtigsten Ursachen von (sexueller und nichtsexueller) Gewalt als Mittel der Wiederherstellung einer prekär gewordenen Männlichkeit dar. Mit der Identifikation als Mann die eigene Widersprüchlichkeit, das grundlegende Angewiesen-Sein an Andere nicht überwinden zu können, erscheint den Maskulisten so unterträglich, dass sie der Abwehr von Weiblichkeit bedürfen. Von der Verachtung und Entwertung dessen, was als weiblich gilt, erhoffen sich angeschlagene Männer- und Väterrechtler doch noch das Versprechen männlicher Ganzheit und Überlegenheit einlösen zu können.

Der empfehlenswerte Sammelband enthält weitere Artikel von Nadine Teuber zu psychoanalytischen Geschlechtertheorien zwischen Beziehung und Gesellschaft, Charlotte Busch zu pädagogischer Arbeit mit Mädchen, Regina Becker-Schmidt zu Luce Irigarays Blick auf Ökonomie und Repräsentation, Julia König zu geschlechtstheoretischen Implikationen im psychosomatischen Werk Alfred Lorenzers sowie Sebastian Winters sozialpsychologische Überlegungen zum Unbehagen neuer Väter.

Bettina Zehetner

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