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Buchcover Elmar Brähler, Hans-Wolfgang Hoefert, Christoph Klotter (Hg.):

Wandel der Gesundheits- und Krankheitsvorstellungen

Lengerich 2018, Pabst Publishers

ADHS, posttraumatische Belastungsstörung, Burnout – neue Phänomene oder alter Wein in neuen Schläuchen?

Wie haben sich Auffassungen von Gesundheit und Krankheit im Laufe der Jahrhunderte verändert, welche Wertungen sind mit bestimmten Vorstellungen von Gesundheit und Krankheit verbunden, welche normativen gesellschaftlichen Funktionen erfüllen sie? All diesen Fragen geht der vorliegende Sammelband aus vielfältigen Perspektiven nach.

Gesellschaftliche Bedingungen sogenannter „moderner“ Symptomatiken zeigt Wolfgang Merkle anhand von Fibromyalgie, Multiple Chemical Sensitivity sowie dem chronic fatigue syndrome. Psychosomatische Symptome eignen sich ganz besonders gut dafür, aus dem jeweiligen „Symptompool“ der jeweiligen Kultur und Epoche auszuwählen und im Zusammenspiel mit Ärztinnen und Ärzten bisweilen sehr dramatische und expressive Krankheitsformationen zu bilden – die Hysterie ist eines der lebendigsten Beispiele, in dem sich Geschlechternormen in Symptomausbildung, Diagnostik und Behandlung manifestieren.
Psychosomatische Symptome sollen eine (vermeintlich) noch schlimmere Situation verhindern und „verkleiden“ somit psychische Konflikte in Beschwerden mit scheinbar somatischen Ursachen, um Hilfe, Kontakt und Kommunikation zu mobilisieren. Zumindest vorübergehend ist damit Entlastung und legitime Zuwendung durch das medizinische System gewährleiset. Mit behutsamer Nachforschung – Freuds Patientin Anna O. nannte die Redekur „chimney sweeping“ – kann die Botschaft des Symptoms zur Sprache gebracht und das Symptom damit überflüssig werden.

Gesundheit als Leitbegriff einer salutogenetischen Sichtweise scheint sich zumindest theoretisch in der Medizin durchzusetzen gegen ein pathologie-zentriertes Bild.

Daniel Schäfer fragt, ob Gesundheit heute schon als Religionsersatz dient, was interessanterweise nicht der zunehmenden Ökonomisierung des Körpers durch alltägliche (Selbst-)Vermessungspraktiken und beständiger Selbstoptimierung widerspricht – die Wellnessbewegung als Gesundheitskult (Michael Utsch). Stichworte: Healthismus und Orthorexie.

Neben historischen Betrachtungen zum Wandel von Körper- und Krankheitsbildern beleuchtet der Sammelband Veränderungen in einzelnen Fachrichtungen wie der Onkologie und der Psychiatrie sowie die Krankheitsvorstellungen bestimmter Patient_innengruppen: männerspezifische Aspekte, muslimische Krankheitskonzepte sowie Krankheitsvorstellungen von Kindern. Das Finale bilden Texte zu Public Health, zur partizipativen Entscheidungsfindung sowie zur Ethik in der Medizin. Aus sozialkonstruktivistischer Perspektive zeigt sich das Phänomen Krankheit als Aushandlungsprozess zwischen den leidenden Patient_innen und den jeweils involvierten Interessensgruppen (Ärzteschaft, Versicherungen etc., vgl. Wolfgang Hoefert in diesem Band). Was fehlt sind feministische Beiträge, diesem Mangel kann abgeholfen werden: „Krankheit und Geschlecht. Feministische Philosophie und psychosoziale Beratung“ von Bettina Zehetner: http://sammelpunkt.philo.at/2227/

Insgesamt ein lebendiger, vielstimmiger Sammelband, der den Wandel von Gesundheits- und Krankheitsvorstellungen anschaulich vermittelt.

Bettina Zehetner

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