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Buchcover Emmanuel Alloa und Miriam Fischer (Hg.):

Leib und Sprache.
Zur Reflexivität verkörperter Ausdrucksformen.
Weilerswist: Velbrück Wissenschaft 2013

Wie lässt sich das Verhältnis von Körper und sprachlicher Bedeutung erfassen?
Die enge Verflechtung von Sprache und Leiblichkeit manifestiert sich in verkörpertem Sinn: Sinn ist ohne sinnliche Fundierung nicht denkbar. Der vorliegende Sammelband widmet sich diesem komplexen Verhältnis vor einem phänomenologischen Hintergrund und in interdisziplinärer Herangehensweise.
Unter dem Titel „Beredte Körper“ nähert sich Emil Angehrn den Inkarnationen der Sprache in Körper, Leib und Fleisch an und Joachim Küchenhoff expliziert anhand des Konzepts der Zwischenleiblichkeit Sinn und Nicht-Sinn psychosomatischer Symptombildungen. Im Abschnitt „Klangkörper und Zeichenträger“ wird Sprachverstehen als zwischenleiblicher Vorgang in Artikulation und Resonanz sowie in der zeigenden Rede deutlich (die grundlegende Responsabilität des menschlichen Körpers) und Derridas Gedanken zur Stimme des abwesenden Freundes bieten Anlass für neue Facetten zum Verhältnis von Identität und Differenz.
„Verletzende Worte“ behandelt den Themenbereich Gewalt durch Sprache unter anderem bei Pierre Bourdieu („symbolische Gewalt“ als sanfte Form der Gewalt, die die Herstellungsbedingungen der scheinbar selbstverständlichen sozialen Ordnung unsichtbar macht), Franz Kafkas Erzählung „In der Strafkolonie“ und Prozesse der körperlich-sprachlichen Trauerarbeit in der Erinnerung von KZ-Häftlingen.
Im Abschnitt „Sprachen der Kunst“ werden Antonin Artauds Gedanken zum Theater als Leib und Rhythmus lebendig wie Denis Lavants Performance als bügelnder und tanzender Fremdenlegionär in Claire Denis’ Film „Beau Travail“.

Merleau-Ponty hat sich dem Verhältnis von Leib und Sprache mit dem Konzept des Chiasmus, der Verschränkung, angenähert und dieses in seinen späten Schriften „Das Sichtbare und das Unsichtbare“ im Begriff des „chair“ konkretisiert – das Fleisch der Welt, das Fleisch des Leibes als Element, in dem sich das Beziehungsgeschehen, das immer neu sich belebende „Dazwischen“ zwischen Leib und Sprache, Leib und Welt vollzieht. Im Bild der Zwischenleiblichkeit („intercorporéité“) wird unser Einander-Ausgesetztsein, unsere Berührbarkeit und Verletzlichkeit als fundamentale Bedingung für Menschlichkeit deutlich. Hier setzt auch Judith Butler in ihrem Versuch über eine Ethik der Verantwortung basierend auf dem Bewusstsein unserer geteilten Verwundbarkeit an.
Ein Manko: Geschlecht ist kaum ein Thema in diesem Sammelband, beim Zusammenwirken von Leib und Sprache eine verwunderliche Leerstelle. Schade auch, dass kein Beitrag der Mitherausgeberin Miriam Fischer enthalten ist, sie hat zu diesem Thema sehr Spannendes zu sagen, wie ihr Werk „DENKEN in KÖRPERn. Grundlegung einer Philosophie des Tanzes“ (2010) zeigt. Ebenfalls empfehlenswert in diesem Zusammenhang: Emmanuel Alloa et al (Hg.): Leiblichkeit. Geschichte und Aktualität eines Konzepts. Velbrück 2012

Bettina Zehetner

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