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Interview "Kreativ die Pension gestalten"


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Kreativ die Pension gestalten
Interview mit Nora Aschacher

Im Rahmen unserer Veranstaltungsreihe „Aufstand statt Ruhestand“ führten wir mit Nora Aschacher ein Interview zum Thema „Kreativ die Pension gestalten“. Nora Aschacher arbeitete viele Jahre als ORF-Redakteurin und war eine der ersten, die Frauenthemen im ORF platzierte. Sie ist Mitbegründerin des Vereins „Alterskulturen“ und der Tanzperformance-Gruppe „AGE COMPANY“. Im Interview macht sie Lust darauf, initiativ zu werden und sich für eigene Ideen einzusetzen.

Karin Macke: Wie hast du den Übergang/Einstieg in die Pension erlebt und was hat dir dabei geholfen?

Nora Aschacher: Mir war klar, dass ich bis zu meinem 60. Geburtstag bleiben würde... das hing u.a. mit der Höhe der Pension zusammen, außerdem mochte ich meinen Job. Aber ich hatte in den letzten Jahren vor der Pension ziemlich lange Arbeitstage und war etwas erschöpft. Geholfen hat mir, dass ich von Ö1 eine sehr schöne, große Abschiedsfeier bekam und dass ich danach noch ein Projekt machte und mit meinem Lebensgefährten nach Argentinien gefahren bin- er war zu einem Lyrikfestival eingeladen. Also auch die unmittelbaren darauffolgenden Monate waren „aktionsreich“ und es war nicht ein Sturz von totaler Aktion ins Nichts. Das erste Jahr kam ich mir vor wie eine Studentin mit Grundeinkommen. Ich bekam Geld aufs Konto und konnte meinen Interessen nachgehen, war „frei“, alles schien möglich.

Karin Macke: Was hast du dabei vermisst?

Nora Aschacher: Ich bin nicht gleich darauf gekommen, aber irgendwann bemerkte ich, dass sich kein Mensch für meine Ideen, Vorstellungen etc. interessierte. Ich war nicht mehr „ORF“ und daher nicht mehr „interessant.“ Ich hatte keine „Macht“ mehr. Früher bestimmte ich Themen, gestaltete Programme etc., das gab es nicht mehr. Wenn ich eine Idee hatte, musste ich „vorsprechen“. Das war ich nicht gewohnt.
Die neu gewonnene Freiheit erlebte ich ambivalent, ich wollte nun auskosten, was es bedeutet, freie Einteilung des Tages, der Woche, also ging ich spazieren, in Museen, Galerien etc. aber irgendwann merkte ich, ich „irrte“ mehr herum als diesen Freiraum zu genießen. Ich war nicht gewohnt, zu „konsumieren“ sondern zu gestalten, aber es gab jetzt nichts mehr zu gestalten außer den Garten, die Wohnung etc. Mir war irgendwann langweilig….es gab keine Herausforderungen.

Karin Macke: Wie hat sich dein "Ruhestand" im Laufe der Zeit verändert? Gibt es jetzt andere Bedürfnisse, einen neuen Zeitrhythmus...?

Nora Aschacher: Das Bedürfnis, etwas zu gestalten, zu kreieren ist weiterhin da. Ich gehe jetzt mit meiner Zeit sorgsamer um, überlege, ob ich diesen Workshop wirklich machen, dieses Stück wirklich sehen will etc etc. Da ich dank meines Jobs, sehr viel gereist bin, stellen Reisen für mich nicht mehr so große Highlights dar. Ich überlege bei ehrenamtlichen Tätigkeiten, wieviel Zeit sie „kosten“ und ich achte total darauf, in der Woche maximal 2-3 durchstrukturierte Tage zu haben. Der Zeitrhythmus ist mit Sicherheit anders geworden. Ich kann nicht mehr so viel machen wie ich möchte, denn ich bin schlicht und einfach müde. Meine Interessen konzentrieren sich mehr auf ein paar – für mich –wesentliche Dinge.
Ich glaube die Pension kann als Lebensphase angesehen werden, in der wir die Chance bekommen, uns und unser Leben neu zu definieren ( vorausgesetzt wir müssen keine Angehörigen betreuen und nicht von der Mindestsicherung leben ). Jetzt können wir uns wichtigen Fragen stellen:
Was möchte ich wirklich im Leben, Wie kann ich meine Erfahrungen und mein Potential nutzen, was kann ich Sinnvolles tun, wie kann ich mein persönliches Wachstum weiterentwickeln, wodurch kann ich Freude in mein Leben bringen etc etc.
Einer der bekanntesten Gerontologen, Andreas Kruse, betont immer wieder, dass die viel gepriesene Freiheit des Alters nur dann existiert, wenn wir in uns die Offenheit für etwas Neues zulassen, wenn wir die Bereitschaft zeigen, uns mit neuen Phänomenen auseinanderzusetzen. Sich im Alter nur auf die eigenen Erfahrungen zu beschränken, macht nicht weise sondern engstirnig.

Karin Macke: Hat sich dein Anspruch/Wunsch zum Thema Wohnen/Wohnform verändert?

Nora Aschacher: Bis jetzt nicht. Ich lebe mit meinem Mann (seit 14 Tagen sind wir verheiratet nach 40! Jahren) in einer Mietwohnung und teilweise im Garten in NÖ, wir haben oft viele Gäste. Ich bin kein Wohngemeinschaftstyp, bin eher interessiert, mich zurückziehen zu können, halte aber alle neuen Wohnprojekte für sehr sehr wichtig und finde es großartig, welche Möglichkeiten sich auftun. Da gibt es einige Beispiele, die ich auch im Buch erwähne.

Karin Macke: Welche Rolle spielt die Kreativität in deiner Pension?

Nora Aschacher: Weiterhin eine große. Ich habe den Verein „Alterskulturen“ und die „AGE COMPANY“ zwei Jahre nach meiner Pensionierung mitbegründet, weil ich etwas Kreatives machen wollte. Zum einen ging es darum, die Bilder vom Älterwerden zu verändern (Alterskulturen). Lange Zeit bestimmten zwei Extreme die Altersbilder: Altern als Lust und Alterns als Last. Auf der einen Seite das Bild des hilflosen Pflegefalls, auf der anderen Seite die Silver-Consumer, die genusssüchtigen Älteren. Es wird aber wichtiger denn je, aufzuzeigen, dass es weitaus mehr facettenreiche Bilder vom Älterwerden gibt. Die AGE COMPANY ist eine zeitgenössische TanzPerformancegruppe, die unter der Leitung einer professionellen Choreographin Performancestücke für die Bühne oder den öffentlichen Raum entwickelt. Ich bin dort auch Performerin. Wir sagen, wir Älteren wollen gesehen werden, daher wollen wir auf die Bühne. Seit 2008 haben wir 5 Produktionen erarbeitet und aufgeführt. Ich glaube an eine internationale Bewegung, die davon ausgeht, dass Kunst und Kreativität gerade im Prozess des Älterwerdens eine bedeutende Rolle spielen können, weil sie Älteren- unabhängig von Schulbildung und Job- die Möglichkeit bieten, sich über Musik, Bewegung, Malerei, Foto etc etc. auszudrücken. Die späten Jahre können zu einem Kreativitätspool werden. Beispiele Irland, Schottland, Schweiz, USA
Wichtig ist, sich nicht selbst einzuengen mit Sätzen wie „Da hätte ich früher anfangen müssen“, „Ich möchte mich nicht lächerlich machen„, „ „Das werde ich nie können“ „Das zahlt sich doch nicht mehr aus“, „wer weiß wie lange ich lebe“ sondern jenen inneren Stimmen mehr Raum geben, die sagen: „Ich wollte doch immer schon...“, „Worauf soll ich warten“, „Ich fange einfach an.“
Der österreichische Altersforscher Leopold Rosenmayr sagte: „Die Realisierung der Lebenskunst im Alter ist nicht nur eine Sache des eigenen Nachdenkens und der Selbstbesinnung. Sie ist auch darauf angewiesen, anregende und verarbeitbare Außenbedingungen zu erhalten. Individuelle Lebenskunst im Alter verlangt soziale und kulturelle Milieus der Förderung.“ Aber genau da begegnen wir einem gesellschaftlichen Grundproblem. Im sogenannten dritten Lebensalter gibt es immer mehr von uns mit Ressourcen und Kompetenzen, aber noch keine Kultur der Nutzung. Unser Wissen und unser Können werden weder abgerufen noch nachhaltig „bewirtschaftet“ sondern schlicht und einfach brach liegen gelassen. Dass es so ist, sollte uns nicht davon abhalten, neue Wege zu erkunden.

Karin Macke: Von welchen Aspekten die Pension betreffend möchtest du noch gerne berichten?

Nora Aschacher: Ich bin dafür, dass jeder selbst entscheiden können soll, wann er/sie in Pension gehen möchte und ob er/sie weiterarbeiten möchte. Selbstverständlich müssen all jene, die in schweren Berufen arbeiten, die Möglichkeit bekommen, früher zu gehen, ohne deswegen Geld zu verlieren.

Ich fände einen schrittweisen Übergang sehr sinnvoll bzw. Modelle zu entwickeln, die stundenweises Arbeiten erlauben oder tageweise. Weiters wäre es gut, ein, zwei Jahre davor, sich selbst auf die Pension vorzubereiten und sich die Frage zu stellen: was werde ich mit dieser freien Zeit anfangen, wie will ich mein Leben gestalten, welchen Traum möchte ich mir erfüllen.

Karin Macke: Wenn du jemandem einen Ratschlag geben würdest, wie sähe der aus?

Nora Aschacher: Wenn Du eine Chance hast, warte nicht bis die Pension kommt, sondern erfülle Dir Deine Träume, Wünsche - zumindest ansatzweise - vorher.

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