Frauen beraten Frauen

Frauenpolitik







Frauen* beraten Frauen*

Was bedeuten die *Sternchen* in unserem neuen Logo? Wir wollen damit den Begriff „Frauen“ erweitern und die Vielfalt sichtbar machen, die in dieser Bezeichnung stecken kann. Wir wollen den Begriff „Frau“ aus seiner Selbstverständlichkeit lösen und deutlich machen, dass es sehr viel Unterschiedliches bedeuten kann, „Frau“ zu sein oder als solche bezeichnet zu werden. Viele fühlen sich nicht angesprochen, wenn weiße, privilegierte Feministinnen über „Wir Frauen“ reden. Nicht alle Menschen mit „weiblichen“ Körpermerkmalen wollen als Frau adressiert werden und manche Menschen mit nicht offensichtlich „weiblichem“ Aussehen erleben sich als Frau. In Anerkennung der Differenz (der Titel unseres Sammelbands zu feministischer Beratung und Psychotherapie) plädieren wir für selbstbestimmte Bezeichnungen.
Worte sind lebendig, wir können uns Begriffe durch neue Verwendungsweisen aneignen. Hier gibt es viele kreative Möglichkeiten. Die „riot grrrlz“ machen das Knurren sichtbar, das vielen Mädchen* und Frauen* ein Bedürfnis ist, um den verniedlichenden Ausdruck „girl“ neu zu deuten: Verniedlichung kann wütend machen, grrrlz können laut sein und herausschreien, was sie stört und was sie stattdessen wollen.
Sprache schafft Wirklichkeit. Im Sprechen, Benennen oder Verschweigen bringen wir eine bestimmt soziale Realität hervor. Darum ist es auch so wichtig, Frauen zu benennen und sie nicht hinter angeblich allgemeinen, tatsächlich jedoch männlichen Bezeichnungen zu verstecken. Ich bin als Frau weder angesprochen noch „mitgemeint“, wenn ich von Bürgern, Professoren und Präsidenten lese. Ich bin als Frau sehr wohl sichtbar, wenn ich von BürgermeisterInnen, Pilot_innen und Nobelpreisträger/innen lese.
Solidarität unter Frauen* ist uns weiterhin wichtig. Solidarität muss aber nicht auf einer gemeinsamen Identität beruhen (die Andersartige ausschließt), sondern Solidarität kann aus gemeinsamen Zielen entstehen: strategische Bündnisse für bestimmte Anliegen, für den Abbau von Diskriminierung aufgrund des Geschlechts, der Herkunft oder der körperlichen Fähigkeiten, für ein selbstbestimmtes Leben.

BETTINA ZEHETNER


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Broschüre zum Thema "Frauen und Armut"

Titelbild der Broschuere Frauenarmut

Zum Ende des Jahres 2010 brachte die Arbeitsgruppe "Frauen und Armut" eine Broschüre mit dem Titel "Märchen und Wahrheit über Frauenarmut" heraus, die in mehrere Sprachen übersetzt wurde.

Auf unserer Seite können Sie die Broschüre als PDF-Datei downloaden:

Download: "Märchen und Wahrheit über Frauenarmut" - Broschüre in deutscher Sprache
Download: "Women and poverty - fairy tales and reality" - Broschüre in englischer Sprache
Download: "Kadınların fakirligi hakkında masallar ve gerçekler" - Broschüre in türkischer Sprache
Download: "Bajke i istina o siromaštvu žena" - Broschüre in bosnisch-kroatisch-serbischer Sprache


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Feministische Beratung: Politik statt Pathologisierung
Aussendung Nr. 95, Herbst 2014

Die aktuelle Situation ist gekennzeichnet durch rhetorische Gleichheit und Verschleierung tatsächlicher Hierarchien. Einer erstaunlich stabilen Geschlechterordnung stehen gleichzeitig immer flexiblere Geschlechterrollen gegenüber. Gut bezahlte und unbezahlte Arbeit ist nach wie vor sehr ungleich zwischen Frauen und Männern verteilt. Der Druck durch die Mehrfachbelastung von Frauen steigt auch durch den neoliberalen Mythos: Glück und Gesundheit sei ein Produkt persönlicher Leistung. Die „work-life-balance“ erscheint als individuelle Herausforderung, aber strukturelle Probleme sind nicht auf der individuellen Ebene zu lösen.
Emanzipatorische Beratung will dazu anregen, Anforderungen in Frage zu stellen anstatt allen Normen zu entsprechen und reibungslos zu funktionieren.

Eine feministische Haltung stellt die Dichotomie Krankheit - Gesundheit in Frage: Krank macht die Anpassung an überfordernde Verhältnisse, widersprüchliche Geschlechternormen und Rollenerwartungen. Krankheit als Verweigerung von Anpassung kann ein Zeichen psychischer Gesundheit sein.

Feministische Beratung setzt der Pathologisierung von Frauen die Politisierung individueller Problemlagen entgegen. Das Benennen gesellschaftlicher Bedingungen von Problemen und Erkrankungen entlastet und bietet eine Möglichkeit, der Vereinzelung und Selbstbeschuldigung, dem Gefühl von persönlichem Versagen zu entkommen. Das Bewusstmachen gesellschaftlicher Strukturen als Ursache für Überforderung, Kränkung und Krankheit eröffnet neue Perspektiven auf die eigene Handlungsfähigkeit und neue Gestaltungsmöglichkeiten von Weiblichkeit und Männlichkeit.

Auch feministische Psychotherapie ist kein Rückzug in die Innerlichkeit, keine apolitische Reparaturwerkstätte, sondern will eine kritische Perspektive im Sinne gesellschaftlicher Verantwortung bewahren - „Therapie als Aufklärungsraum und Gegenentwurf, keine Fürsorgestation“ Christina Thürmer-Rohr. Gefordert ist die Selbstreflexion unserer eigenen impliziten normativen Konzepte von Männlichkeit und Weiblichkeit als Berater_innen und Therapeut_innen, um nicht nur die bestehende Geschlechterordnung zu reproduzieren, sondern den Blick jenseits der Entweder-Oder-Dichotomie zu erweitern. Genderspezifisches Wissen und genderkritische Kompetenz soll in die psychotherapeutischen und medizinischen Curricula integriert werden.

Der Körper als Austragungsort gesellschaftlicher Machtverhältnisse ist auch eine relevante Perspektive für die Medizin und fordert eine Transformation des schulmedizinischen Modells: Das Einbeziehen gesellschaftlicher und kultureller Entstehungsbedingungen von Erkrankungen, die Erweiterung individuum- und familienzentrierter Therapiekonzepte um die soziale Dimension der Normen von Gesundheit und Krankheit, Weiblichkeit und Männlichkeit. Statt „Diese Frau ist krank“: Was macht diese Frau krank? Was stärkt ihre Resilienz, ihren Widerstands- und Widerspruchsgeist gegen krankmachende Anforderungen?

Ziel feministischer Beratungsarbeit ist nicht die bloße Symptombeseitigung und das Funktionieren im bestehenden System, sondern die Erweiterung von Lebens- und Handlungsmöglichkeiten. Was stärkt: Neugier auf neue Möglichkeiten, Weiblichkeit und Männlichkeit zu leben, Entdeckungslust, Weltoffenheit, Leidenschaften außerhalb der Beziehungsorientierung des Für-den-anderen, über die Ich-als-Teil-eines-Paars-Ideologie hinaus. Nicht-geschlechterrollenkonformes Verhalten ist gesundheitsfördernd – für Frauen ebenso wie für Männer. Wir sind oder haben nicht einfach ein Geschlecht, sondern wir bringen es beständig hervor, im Umgang miteinander, geleitet von Normen und Diskursen. Mehr Wissen und Bewusstsein darüber, wie wir „Weiblichkeit“ und „Männlichkeit“ im Alltag „produzieren“ und verkörpern, erweitert unsere Handlungsfähigkeit – als Ratsuchende und als Berater_innen. Im Bewusstsein: „Ich stelle ‚Weiblichkeit’ her“ wird diese Herstellung auch anders, selbstbestimmter als bisher, denkbar.
So kann feministische Theorie zu einer emanzipatorischen Praxis psychosozialer Beratung beitragen.

BETTINA ZEHETNER

VORTRAG UND DISKUSSION

Im Rahmen der Fachkonferenz „Resilienz im Fokus: Was stärkt Frauen?“ am 26. September 2014 im Wiener Rathaus halten Dr.in Bettina Zehetner und Dr.in Gerlinde Mauerer einen Vortrag zum Thema „Feministische Beratung und Bildung: Politik statt Pathologisierung“.


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Obsorge und Kontaktrecht in der Praxis - Aussendung Nr. 93, Herbst 2013

Wie in der letzten Aussendung geschildert, sind im Februar 2013 zahlreiche familienrechtliche Neuerungen in Kraft getreten. Ich möchte Ihnen in diesem Beitrag einige Informationen dazu näher bringen. Denn meine Erfahrung ist, dass in der Öffentlichkeit einiges missverständlich transportiert wird.

Rund um die Obsorge

Auch wenn medial immer wieder die gemeinsame Obsorge als einziges Modell propagiert wird, besteht nach wie vor die Möglichkeit, sich im Zuge der einvernehmlichen Scheidung für die alleinige Obsorge eines Elternteils zu entscheiden. Der andere Elternteil hat dann Informations- und Äußerungsrechte sowie Kontaktrecht, die letzte Entscheidung liegt aber bei demjenigen, der die alleinige Obsorge hat. Diese rechtliche Möglichkeit ist immer in Erwägung zu ziehen, da es nicht die „automatische“ gemeinsame Obsorge gibt.
Wenn Sie Zweifel haben, ob die gemeinsame Obsorge mit Ihrem Exmann sinnvoll ist, dann im Folgenden einige Gedanken dazu:

Ist einer dieser Punkte oder gar mehrere bei Ihnen ein Thema, dann ist zu überdenken, ob die gemeinsame Obsorge im Sinne des Kindeswohls nicht von vornherein ausgeschlossen werden sollte.

Rund um das Kontaktrecht

Die Erfahrung zeigt, dass Obsorge und Kontaktrecht häufig vermischt werden. Das Kontaktrecht ist jedoch unabhängig von der Frage der Obsorge zu sehen. Häufig meinen Väter, wenn sie die Obsorge einklagen, dann ließen sich das Kontaktrecht betreffende Probleme lösen. Doch dem ist nicht so. Bei Obsorgestreitigkeiten geht es in Wahrheit meist um das Kontaktrecht. Auch wenn Sie als Mutter die alleinige Obsorge haben, besteht die Möglichkeit, dem Kindesvater ein umfassendes Kontaktrecht einzuräumen. Seit 1. Februar 2013 muss das Kontaktrecht im Zuge einer einvernehmlichen Scheidung umfassend und detailliert geregelt werden.
Neu ist die sogenannte Wohlverhaltensklausel, die besagt, kein Elternteil darf dem Kind gegenüber den anderen schlecht machen bzw. schlecht über diesen reden. Auch ist neu, dass nach dem Willen des Gesetzgebers der kontaktberechtigte Elternteil mit dem Kind nicht nur, wie bisher, die Freizeit verbringen, sondern auch den Alltag mit seinem Kind teilen soll.
Das bedeutet: mit dem Kind lernen, zum Arzt gehen etc. Damit soll der hauptbetreuende Elternteil entlastet werden. Und nicht zuletzt: wenn der Vater das Kontaktrecht nicht wahrnimmt und zu vereinbarten Terminen nicht erscheint, dann können Sie als Mutter seit der neuen Regelung für Ihr Kind das Kontaktrecht einklagen. Ebenso besteht die Möglichkeit, Schadenersatz zu fordern, wenn Kontaktzeiten nicht wie vereinbart eingehalten wurden.
Für Ihre individuelle Lebenssituation empfiehlt sich in jedem Fall eine auf Sie abgestimmte persönliche juristische Beratung.

BARBARA STEKL


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Was ist neu bei Obsorge und Besuchsrecht? - Aussendung Nr. 92, Frühjahr 2013

Mit 1. Februar 2013 hat sich Wesentliches bezüglich Obsorge und Besuchsrecht verändert. Frauenorganisationen sind massiv gegen jeglichen Automatismus bei der Obsorge eingetreten. Doch leider konnten wir eine Neuregelung nicht verhindern. Harmonie und Konsens können nun einmal nicht verordnet werden, gerade was hochstrittige Konflikte betrifft. Es konnte jedoch in politischen Verhandlungen durch Frauenministerin Heinisch-Hosek zumindest eine etwas abgeschwächte Form dieses nun in Kraft getretenen Gesetzes erreicht werden, indem Sie den ausnahmslosen „Automatismus“ und auch die von Väterrechtlern geforderte „Doppelresidenz der Kinder“ herausreklamieren konnte.

Wie war die rechtliche Lage bisher und wie sieht die Neuregelung aus? Im Folgenden ein kurzer Überblick über die neue Rechtslage:

Die Obsorge bei unehelichen Kindern steht mit der Geburt zunächst der Mutter alleine zu. So war die alte Rechtslage und das bleibt auch weiterhin so. Eine gemeinsame Obsorge musste extra beantragt werden, selbst wenn die Eltern zusammen leben. Auch das bleibt nach der neuen Rechtslage so. Neu ist hingegen, dass das gemeinsame Sorgerecht am Standesamt vereinbart werden kann. Der Vater kann aber nicht alleine beim Standesamt die gemeinsame Obsorge erwirken. Beide Elternteile müssen persönlich erscheinen. Eine Vollmacht ist nicht ausreichend. Der Mutter steht innerhalb von acht Wochen ein Einspruchsrecht zu. Sie kann demnach, ohne Angabe von Gründen, ihre Zustimmung zu einer gemeinsamen Obsorge wieder zurücknehmen.

Neu ist jedoch, dass ledige Väter die gemeinsame oder die alleinige Obsorge (auch gegen den Willen der Mutter!) beantragen können. Die Entscheidung darüber liegt bei Gericht.

Die Obsorge bei ehelichen Kindern: Bei Obsorge-Streitfällen soll künftig - egal ob es um eheliche oder uneheliche Kinder geht - eine „Phase der vorläufigen elterlichen Verantwortung“ (Abkühlungsphase) verhängt werden: Das Gericht entscheidet für sechs Monate, bei Gewalt auch früher, über eine vorläufige Lösung. Beide Elternteile sollen in dieser Zeit Kontakt zum Kind haben, wobei einer die hauptsächliche Betreuung übernimmt. Die bisherige Obsorgeregelung, bei ehelichen Kindern also die gemeinsame, bleibt vorerst aufrecht. Nach den 6 Monaten entscheidet dann das Gericht über den Antrag und es sollte nach der gesetzgeberischen Absicht in die Entscheidung einfließen lassen, wie dieses halbe Jahr zwischen den Eltern verlaufen ist.

Nach dieser Zeit hat das Gericht auch aufgrund der Erfahrungen in dieser Beobachtungsphase über die endgültige Sorgerechtsregelung zu entscheiden. Würde dieser Zeitraum dem Kindeswohl widersprechen, dann kann auch rascher entschieden werden. Schon bisher war es so, dass die gemeinsame Obsorge bei ehelichen Kindern grundsätzlich auch nach der Trennung aufrecht blieb. Beantragte jedoch ein Elternteil die alleinige Obsorge, konnte das Gericht auch nur einem der beiden die alleinige Obsorge zusprechen, was unserer Ansicht nach sinnvoll war. NEU: Seit Februar 2013 kann das Gericht jedoch auch bei strittigen Scheidungen (und gegen den Willen der Eltern!) eine gemeinsame Obsorge verhängen, wenn es, so das Gericht, dem Kindeswohl entspricht. Wie bereits eingangs angesprochen, ist diese nunmehr bestehende gesetzliche Möglichkeit, die gemeinsame Obsorge gegen den Willen eines Elternteils zu verhängen, höchst problematisch.

Neu ist ebenfalls, dass das Besuchsrecht zum „Kontaktrecht“ wird. Eltern haben rechtlichen Anspruch auf Kontakt zu ihrem Kind. Damit das Besuchsrecht künftig besser eingehalten wird, gibt es einen Maßnahmenkatalog: So kann der Richter beispielsweise den Besuch einer Familienberatung anordnen. Neu ist auch, dass die Eltern bei einvernehmlichen Trennungen schon zum Zeitpunkt der Scheidung eine Regelung über das Kontaktrecht treffen müssen. Das Gericht hat nötigenfalls, insbesondere bei Gewalt, die persönlichen Kontakte einzuschränken oder zu untersagen. Neu wurde auch ins Gesetz aufgenommen, dass der Kontakt des nicht im gemeinsamen Haushalt lebenden Elternteils, nach wie vor überwiegend der Vater, nicht bloß ein Recht ist, sondern auch eine Pflicht. Deshalb kann nunmehr das Kontaktrecht auch vom Kind dem Vater gegenüber eingefordert werden, was bisher nicht möglich war.

Das Wohl des Kindes ist ein wesentliches Kriterium und wird erstmals umfassend im Gesetz definiert: etwa die umfassende Versorgung, die Fürsorge, Geborgenheit und der Schutz, aber auch Wertschätzung des Kindes und Förderung seiner Anlagen, um nur einige Kriterien aus dem Katalog zu nennen.

Wie sich die neuen Regelungen im Einzelnen auswirken werden, ist noch nicht abzusehen. Es wird in erster Linie darauf ankommen, wie die Gerichte im Konfliktfall die neuen Regelungen anwenden werden. Umso wichtiger ist eine umfassende rechtliche Beratung, in der auf die persönliche Situation der Frau Bezug genommen werden kann.

BARBARA STEKL


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Die Sorge mit der Obsorge - Aussendung Nr. 88, Frühjahr 2011

Seit einiger Zeit fordern Vätervertreter massiv die automatische gemeinsame Obsorge auch nach einer Scheidung. Mit Erstaunen ist zu beobachten, dass mit dieser angestrebten Gesetzesänderung - nämlich der verpflichtenden gemeinsamen Obsorge - die Lösung aller diesbezüglichen Probleme und Konflikte erwartet wird. Weshalb infolge einer automatischen gemeinsamen Obsorge diese paradiesischen Zustände schlagartig entstehen sollen, ist jedoch den Erklärungen nicht zu entnehmen. Ganz im Gegenteil wäre dadurch eine Vervielfältigung und Verlängerung strittiger Verfahren zu erwarten.
Es wird in den Diskussionen davon ausgegangen, dass Mütter den Vätern nach einer Scheidung die Kinder prinzipiell entziehen. Das Gegenteil ist jedoch der Fall: aus meiner Beratungspraxis kann ich berichten, dass der Großteil der Frauen, die in die Beratung kommen, den Kontakt zwischen Vater und Kind als wünschenswert empfinden. Viele Frauen würden den Kontakt und die Mitbetreuung durch den Vater der Kinder begrüßen und dies auch als entlastend empfinden. Praktische Realität ist aber leider, dass sehr häufig Väter durch Abwesenheit glänzen und Frauen daher die Alleinbetreuung der Kinder übernehmen müssen.
Die Folge der auch in den Medien geführten Diskussion ist eine große Verunsicherung der betroffenen Frauen. In Folge dessen wird in der Beratung häufig die Frage gestellt, ob denn die "automatische gemeinsame Obsorge" jetzt bereits Gültigkeit habe.

Die Antwort darauf lautet: Nein! Nach wie vor besteht bei einer einvernehmlichen Scheidung folgende Wahlmöglichkeit:

Variante 1: Die Eltern vereinbaren weiterhin die gemeinsame Obsorge mit der Festlegung des Hauptwohnsitzes des Kindes bei einem Elternteil. In dieser Variante bleibt der in der Ehe bestehende Status der „gemeinsamen Obsorge“ aufrecht.
Variante 2: Ein Elternteil erhält die alleinige Obsorge. Dies geht entweder, wenn sich die Eltern einigen, dass beispielsweise die Mutter nach der Scheidung die alleinige Obsorge erhalten soll oder wenn das Gericht dies auf Antrag entscheidet.

Die Obsorge ist also ein Punkt, über den sich die Scheidungswilligen einigen müssen, damit eine einvernehmliche Scheidung zustande kommt. Im Streitfall entscheidet das Gericht im Sinne des Kindeswohls. Wir empfehlen immer gut abzuwägen, ob mit dem Kindesvater eine gemeinsame Obsorge auch tatsächlich möglich und sinnvoll erscheint und wir unterstützen Sie bei dieser Entscheidung mit Beratung.

BARBARA STEKL


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Die eingetragene Partnerschaft für gleichgeschlechtliche Paare
Aussendung Nr. 86, Frühjahr 2010

Endlich wurde auch in Österreich eine Rechtsgrundlage für das Zusammenleben gleichgeschlechtlicher Paare geschaffen, das Bundesgesetz über die eingetragene Partnerschaft.

Seit 1.1. 2010 ist die "Verpartnerung", das heißt die Eintragung einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft möglich. Die Voraussetzungen dafür sind Gleichgeschlechtlichkeit, Volljährigkeit und Geschäftsfähigkeit. Die Eintragung erfolgt bei der Bezirksverwaltungsbehörde, also den Bezirkshauptmannschaften beziehungsweise Magistraten. Sollten die Partner sich wieder trennen wollen, dann ist das Bezirksgericht zuständig, das die Partnerschaft auflösen kann. Eine eingetragene Partnerschaft führt nicht automatisch zu einem gemeinsamen Nachnamen. Allerdings kann man den Namen des anderen annehmen, auch die Möglichkeit eines Doppelnamens besteht. Die eingetragene Partnerschaft beinhaltet auch Pflichten: Im Zuge der Beistandspflicht müssen etwa beide Partnerinnen für die Deckung der Lebensbedürfnisse sorgen. Im Fall einer "Auflösung" der Partnerschaft kann es zu verschuldensabhängigen Unterhaltspflichten kommen. Die Aufteilung des Gebrauchsvermögens und der Ersparnisse erfolgt nach dem Vorbild der eherechtlichen Bestimmungen. Grundsätzlich wird nur Vermögen aufgeteilt, das während der Partnerschaft geschaffen wurde. Außerdem können auch geerbte oder eingebrachte Wohnungen aufgeteilt werden, wenn es die Umstände verlangen.

Gesetzesanpassungen:

Im Zuge des neuen Gesetzes zur eingetragenen Partnerschaft gibt es auch Anpassungen in anderen Gesetzen - etwa im Zivil- und Strafrecht, Abgaben-, Fremden-, Arbeits-, Sozial- und Sozialversicherungsrecht. Damit werden die Rechte der Betroffenen in einigen Punkten an jene von Eheleuten angeglichen, beispielsweise im Zusammenhang mit erbrechtlichen Bestimmungen oder dem Anspruch auf Hinterbliebenenpension. Ebenso dürfen eingetragene Partnerinnen künftig in Strafprozessen gegen ihre Partnerin die Aussage verweigern, weil sie als Angehörige gelten. Bei Kindern gibt es einen Unterschied zur Ehe: Die Adoption eines Kindes ist homosexuellen Paaren nicht erlaubt, ausgeschlossen ist auch die Adoption des Kindes der Partnerin oder des Partners. Auch "medizinisch unterstützte Fortpflanzung", also künstliche Befruchtung, ist nicht erlaubt.

BARBARA STEKL


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Neue Rechte für Opfer von Gewalttaten
Psychosoziale und juristische Prozessbegleitung

Etliche Jahre bereits forderten immer wieder Expertinnen von Opferschutzeinrichtungen eine Implementierung von Rechten für Opfer. Der bloße ZeugInnenstatus in einem Verfahren war mehr als unbefriedigend und stand einerseits dem entsprechenden Schutz andrerseits der Sicherung von Rechten und angemessener Entschädigung der Opfer entgegen.
Bisher war es eben nur möglich im Rahmen des Privatbeteiligtenanschlusses sich als Opfer dem Verfahren anzuschließen. Durch die Novellierung der Strafprozessordnung (StPO) ist dies nicht mehr notwendig.

Was ist nun neu?
Zum einen wurde der Begriff "Geschädigter" zugunsten des allgemeinen Begriffs "Opfer" fallen gelassen. Dieser Reformschritt wurde mit 1.1.06 vorgezogen. Zur besseren Unterscheidung und da unterschiedliche Konsequenzen jeweils damit verbunden sind, wurden verschiedene Opferkategorien eingeführt. So wurden zusätzliche besondere Opferrechte für "Gewaltopfer" und "Sexualopfer" geschaffen.

Demnach haben Opfer das Recht,

Für "Gewaltopfer" und "Sexualopfer" gibt es zusätzlich besondere Opferrechte, nämlich die psychosoziale und juristische Prozessbegleitung: diese wird gewährt, soweit dies zur Wahrung ihrer prozessualen Rechte, unter Bedachtnahme auf ihre persönliche Betroffenheit erforderlich ist. Es ist wichtig, dass Opfer von Gewalt ihre Ängste vor einer Strafverhandlung besprechen können, dass sie vorher über den Ablauf informiert werden und nicht alleine zu Einvernahmen und Gerichtsterminen gehen müssen. Die psychosoziale Prozessbegleitung umfasst zur emotionalen Unterstützung die Vorbereitung der Opfer auf das Strafverfahren sowie die Begleitung zu Gericht. Das Bundesministerium für Justiz hat geeignete Einrichtungen vertraglich mit dieser Prozessbegleitung zu beauftragen. Die juristische Prozessbegleitung ermöglicht die rechtliche Beratung und Vertretung durch Rechtsanwältinnen.

Mit diesen Neuregelungen, basierend auf der Einführung des Begriffs "Opfer" in die Strafprozessordnung, ist ein ganz wesentlicher Schritt gelungen, der schon längst dringend nötig war. Die Umsetzung in der Praxis darf mit einem gewissen Optimismus erwartet werden, zumal nun im Gesetz Regelungen vorliegen, die dem Opfer einen neuen Status verschaffen.

Nähere Informationen zur Prozessbegleitung und Beratungsstellen, die diese anbieten finden Sie auf:

www.prozessbegleitung.co.at
www.aoef.at/aktuell/10j/Prozessbegleitung.pdf


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Verbesserungsvorschläge zum Sorgerecht

Viele Frauen wenden sich an uns mit Konflikten zu den Themen Obsorge und Besuchsrecht nach einer Trennung bzw. Scheidung. Ein Teil dieser Frauen steht unter großem Druck durch ihre Expartner, die entweder nur einer Scheidung zustimmen, wenn sie - trotz zu erwartender Unvereinbarkeiten - die gemeinsame Obsorge erhalten oder sich das Sorgerecht durch Verzicht auf Ehegattinnenunterhalt "abkaufen" lassen wollen. Besuchsrechtskonflikte sind eine weitere häufige Problematik in unserer Beratungsstelle.
Hier liegen die Schwierigkeiten einerseits in Manipulationsversuchen von Vätern, die oft aus einem Gefühl der Kränkung heraus die bisherigen Machtkämpfe über das rechtlich legitimierte Mittel der gemeinsamen Obsorge versuchen weiterzuführen und diese als formale Möglichkeit benützen, weiter Kontrolle über ihre frühere Partnerin auszuüben, andererseits in nicht eingehaltenen Besuchszeiten. Zur Erinnerung: Kinder müssen von ihren Müttern dazu angehalten werden, den Besuchskontakt mit dem Vater wahrzunehmen, Väter hält niemand dazu an, die Besuchszeiten auch tatsächlich mit ihren Kindern zu verbringen.

Im Anhang listen wir einige Verbesserungsvorschläge auf, die von rechtlicher und institutioneller Seite präventiv zu einer Entschärfung vieler Konflikte beitragen können.

BETTINA ZEHETNER


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Arbeitslosenversicherung und Lebensgemeinschaft - oder wie der Gesetzgeber Abhängigkeiten schafft

Während die Lebensgemeinschaft explizit keine eigene Rechtsgrundlage hat, so findet sie dennoch in einigen Gesetzen Eingang, jedoch leider nicht selten zum Nachteil der Lebensgefährtinnen.
Ein solches Negativbeispiel, welches eine Existenzgefährdung der Lebensgefährtin bedeuten kann, ist der § 36 Abs.2 des Arbeitslosenversicherungsgesetzes: Hier heißt es, dass bei der Entscheidung ob Notstandshilfe gewährt wird, nicht nur die wirtschaftlichen Verhältnisse der Arbeitslosen selbst, sondern auch die ihres Lebensgefährten, mit dem sie im gemeinsamen Haushalt lebt, zu berücksichtigen sind.
Die Kritik an dieser Regelung liegt auf der Hand: Obwohl sich - im Gegensatz zur ehelichen Situation - kein Unterhaltsanspruch der (arbeitslosen) Frau gegenüber ihrem Lebensgefährten ableiten lässt, muss sie sich dennoch das Einkommen ihres Lebensgefährten anrechnen lassen, auf das sie jedoch keinerlei Anspruch hat.
Es wurde mit dieser Regelung eine höchst unsinnige Fiktion geschaffen, nämlich jene, dass das Einkommen des Mannes ein Familienkommen sei, was in der Realität völlig falsch ist! Das bedeutet: die Frau hat weder einen Notstandshilfe- noch einen Unterhaltsanspruch und ist auf das "Wohlwollen" ihres Lebensgefährten angewiesen. Diese Regelung fördert nicht nur unzumutbare emotionale und wirtschaftliche Abhängigkeiten, sie gefährdet auch die Existenz.
Häufig sind Frauen auch nicht über die rechtliche Situation in der Lebensgemeinschaft informiert. Das führt dazu, dass sie sich in einer Scheinsicherheit wiegen, in der Annahme der andere müsse ohnedies für sie sorgen. Eine Änderung dieser Bestimmung ist dringend erforderlich!

BARBARA STEKL


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Armut ist zukunftssicher - Aussendung Nr. 77, Herbst 2005

Armut - gibt es das in Österreich überhaupt?

Bei Armut denken viele Menschen an Hunger, Kälte, Wohnungslosigkeit etc. Obwohl auch diese Formen von Armut in Europa existieren, greift diese extreme Auslegung des Begriffes zu kurz.

Armut bedeutet in erster Linie Ausgrenzung von, in einer Gesellschaft üblichen, Lebensstandards und Ressourcen. Diese Ausgrenzung passiert durch die Unmöglichkeit der Teilhabe an allgemeinen Standards von Wohnen, Essen, Bekleidung, soziales Leben, Bildung und Kultur.

Armut bewirkt einen Mangel an Möglichkeiten, am Leben teilzuhaben und fatalerweise auch eine starke Einschränkung der individuellen Strategien, die Situation verbessern zu können. Armut bewirkt häufig auch Einsamkeit - die Möglichkeit Kontakte zu knüpfen oder Beziehungen zu pflegen sind eingeschränkt. Armut macht krank. Armutsgefährdete Menschen sind im Vergleich zum Bevölkerungsdurchschnitt doppelt so oft "gesundheitlich stark beeinträchtigt".

In Österreich sind 1.044.000 Menschen armutsgefährdet. Das sind 13,2 % der Bevölkerung. Frauen sind überdurchschnittlich betroffen. Selbst berufstätige Frauen liegen über dem österreichischen und dem männlichen Durchschnitt.
31,4 % aller Alleinerziehenden sind Armutsgefährdet - das bedeutet, dass ein Drittel aller AlleinerzieherInnen und ihre Kinder in Österreich in Armut leben.

Haushalte mit männlichen Hauptverdienern sind zu 10,8 % betroffen mit weiblichen Hauptverdienern mit 19,6 %. Wie wir aus dem Alltag der Beratungsarbeit wissen, sagt das Haushaltseinkommen nicht viel über die Verteilung der Ressourcen in einem Haushalt aus.
Viele Frauen, die in Ehen mit gutverdienenden Männern leben, sind von Armut betroffen.

KATJA RUSSO


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Wofür wir uns schämen und wie uns das bewegt
Aussendung Nr. 82, Frühjahr 2008

Wer sich schämt will sich verbergen, im Erdboden versinken, sich den Blicken entziehen. Dieses Verschwinden - Wollen und das Verbergen des eigenen Gefühls- und Innenlebens charakterisiert zahlreiche schamvolle Ereignisse.
Die mimische Ausdruckslosigkeit ist Mittel der Verteidigung gegen peinliches Gesehenwerden - ist bereits eine Reaktion auf das Schamempfinden.
Scham ist ein Gefühl das zumeist nur in Verhüllung und Maskierung erscheint. Die gewitzte Antwort auf Beschämung ist bereits der Versuch sich der ärgsten Nöte der Schamerlebnisse zu erwehren - nämlich des wehrlosen Ausgeliefert - Seins an den Blick und die Beurteilungen der Anderen. Dieses Verbergen bezieht sich nicht nur auf die Umwelt, sondern mindestens ebenso sehr auf den eigenen inneren Blick.

Zeichen von Scham können sein:
Schüchternheit, sozialer Rückzug, Arroganz, Flucht in Suchtmittel, Aggression und Gewalttätigkeit als Reaktion: "du kannst mir nichts anhaben", "du bist mir egal" oder "ich bin doch stärker als du"

Scham entsteht bei:

Scham entsteht in verschiedenen Kulturen bei unterschiedlichen Anlässen. So mögen Jugendliche schamvoll verbergen, dass sie noch keine/n Freund/in haben. Während alte Menschen sich für ihre sexuellen Gefühle und Aktivitäten schämen. Bescheidenheit kann genauso ein Ausdruck von Scham sein wie egoistisches Verhalten Scham auslösen kann.
Scham ist immer auch ein Ausdruck von gewünschtem bzw. unerwünschtem Verhalten in einer bestimmten Kultur bzw. Subkultur. Die Besonderheit von Scham liegt in dem unbewussten gegenseitigen Einverständnis von beschämenden und beschämten Menschen, dass die entstandene Situation, das gezeigte Verhalten schämenswürdig ist. Die beschämte Frau widerspricht durch ihr Verhalten, durch ihre Lebenssituation, durch das was ihr passiert ist ihren eigenen inneren Werten - diese innere "Verurteilung" macht es besonders schwer sich gegen Beschämungen zu wehren.

Was bedeutet Scham für "armen" Frauen:
Arme Frauen erleben sich als schwache Mitglieder unserer Gesellschaft. Ihre Schwäche können sie nur teilweise verbergen. Eine Möglichkeit sich der Scham zu entziehen ist der Rückzug aus Situationen in denen Scham spürbar werden könnte. Sie vermeiden Kontakte und Freizeitaktivitäten nicht nur weil es die finanziellen Möglichkeiten verwehren sondern auch um die Diskrepanz zwischen ihrer Situation und der Situation der Anderen nicht spüren und sehen zu müssen.
Arme Frauen sehen sich selbst als inkompetent. Oft zweifeln sie an ihren Fähigkeiten, da es doch offensichtlich ist, dass sie nicht geschafft haben was sonst alle schaffen.
Arme Frauen sind Verletzungen der Intimitätsgrenzen stärker ausgesetzt. Gerade Hilfsangebote sind oft mit der Auflage verbunden intime Details offen zu legen. Die Geschichte des Scheiterns möglichst eindrucksvoll und detailliert zu beschreiben, jeder Millimeter Schutzwall und Intimitätsgrenze kann Hilfe und Unterstützung verwehren. Die helfende Person muss ganz genau "wissen", "verstehen" und "nachvollziehen" können, warum die Situation so ist wie sie ist. Sie macht einen "Ressourcen und Kompetenz-check", stellt Ziele und Prognosen auf. Aufgrund der allgemeinen Zuständigkeit von Frauen für ihre Kinder sind sie stärker der sozialen "Hilfe" und "Kontrolle" von öffentlichen Institutionen ausgesetzt als Männer.
Arme Frauen fühlen die Diskrepanz zwischen Ideal und Realität. Sie haben sich ihr Leben anders vorgestellt, wollten es besser machen - vielleicht anders als ihre Mütter und Großmütter - sie hatten doch auch viel mehr Möglichkeiten. Sie haben es nicht geschafft und sind von sich selbst enttäuscht.
Arme Frauen fühlen die Abhängigkeit, vom Jugendamt, vom AMS, vom Vater der Kinder, vom Partner etc. Arme Frauen denken viel über Schuld nach.

Der Umgang mit Schamerfahrungen bindet viel Energie, verstärkt Selbstzweifel und verleitet Frauen dazu möglichst in eine Art Unsichtbarkeit zu verschwinden.

Literatur:
Hilgers, Micha : "Scham" Gesichter eines Affekts, Vandenhoeck + Ruprecht 2006
Wurmser, Léon: "Die Maske der Scham" Psychoanalyse von Schamaffekten und Schamkonflikten, Springer 1993


KATJA RUSSO


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